Krippenland Tschechien

Wie in Deutschland, so ist auch in Tschechien die Krippe ein unerlässlicher Teil des Weihnachtsfestes. Und tatsächlich kommt die Bezeichnung von Böhmen als Land der Krippen nicht von ungefähr. Die Krippenkultur ist reich und vielseitig.

Es heißt, die erste Krippe in Böhmen sei 1562 von den Jesuiten in einer Kirche aufgestellt worden – eine Idee, die bald in katholischen Gemeinden nur so um sich griff. Zur Weihnachtszeit wurde die Geburt Jesu in der Krippe zu Bethlehem (weshalb sie in Tschechien gleich schon Betlém genannt wird) mit Figuren nachgestellt, so wie sie in der Bibel bei Lukas 2.1ff dargestellt ist. Das war dann die etwas abgespeckte Version der ersten Krippe, die angeblich der Heilige Franziscus von Assisi 1233 im Kloster von Greccio noch mit lebenden Darstellern und Tieren präsentiert hatte.

Das so entstehende Brauchtum war populär, aber der Habsburgischen Obrigkeit in den Zeiten der Aufklärung ein Relikt des Aberglauben und daher zutiefst suspekt. Im Zuge seiner Kirchenreformen in den 1780er Jahren ließ es sich Kaiser Josef II. nicht nehmen, neben der Auflösung von Klöstern und der dekretierten Neuordnung des Gottesdienstwesens auch das Verbot der Aufstellung von Krippen in Kirchen durchzusetzen. Das war ein vergebenes Unterfangen, denn es es führte nur dazu, dass sich die böhmischen Bürger nun zuhause Krippen für ihre Weihnachtsfeiern bastelten. Als das Verbot nach dem Tod des Monarchen aufgehoben wurde, hatte man neben den Krippen in den Gotteshäusern auch noch eine breite Volkskultur von Krippen etabliert – Josephs Schuss war nach hinten losgegangen.

Einen wahren Boom erlebte die Hauskrippe ab der Mitte des 19. Jahrhunderts, wo sie – nunmehr neben dem Weihnachtsbaum – zur Standardrequisite jedes bürgerlichen Weihnachtsfestes (mittlerweile sogar Konfessionen übergreifend) wurde. Seither ist die Krippe Weltkultur. 1950 bildete sich sogar eine Universalis Foederatio Praesepistica, der Weltverband der Krippenfreunde. Damals herrschte der Kalte Krieg und unter den Kommunisten war nicht daran zu denken, dass es eine tschechoslowakische Sektion geben dürfe.

Aber die Liebe zur Krippe war unaufhaltbar und unzerstörbar. Die Bilder, die in diesem Beitrag gezeigt werden, stammen aus der jährlichen Krippenausstellung in den Kellergewölben der Bethlehemskapelle (Betlémská kaple) in der Altstadt (früherer Beitrag hier). Die fand erstmals im Jahre 1980 statt, also eben doch noch in den Zeiten des Kommunismus. Sie zeigte damals, wie man selbst unter schwierigen Bedingungen mit geradezu šveijkschem Hintersinn der Krippe zum Durchbruch verhelfen kann. Für antiklerikale Kommunisten gänzlich unverfänglich war der Organisator, nämlich der Bonsai Klub Prag (heute Bonsai Servis Praha genannt) und auch der Name der Ausstellung war so gehalten, dass es vor revolutionären Pathos nur so triefte, wie die immer noch bei jeder Ausstellung stolz präsentierte erste Einladung (siehe das Werbeblatt oberhalb rechts) zeigt: lidové vánočí ozdoby, auf Deutsch: Volksweihnachtsverzierungen. So konnten es selbst die Kommunisten nicht verbieten. Und so war auch der Boden für die glückliche Krippenzeit nach der Samtenen Revolution von 1989 bereitet – und diese Zeit hält bis heute an und zieht immer mehr Zuschauer in ihren Bann.

Derart gut vorbereitet wurde die tschechische Sektion des Weltverbandes der Krippenfreunde schon im November 1990 gegründet und gehört mit über 550 Mitgliedern und 15 lokalen Sektionen zu den aktivsten Gruppen des Weltverbandes. 2001 wurde mit Vladimir Vaclik, dem Autor des Standardwerkes Tschechische Krippen als Spiegelbild des Lebens, sogar ein Tscheche Vorsitzender des Weltverbandes.

Ja, irgendwie ist die Krippe in Tschechien ein Symbol der Vielfalt und der sanften Widerständigkeit. Um die Vielfalt zu würdigen, sollte man sich die adventliche Ausstellung in der Bethlehem Kapelle nicht entgehen lassen. Die Bilder hier geben nur einen schwachen Eindruck von der Vielfalt der Materialien, Techniken und Ideen wieder. Hier seien sie kurz beschrieben.

Großes Bild oben: Eine Krippe aus Lebkuchen der Künstlerin Božena Marcínová. Diese Art kunstvoll gestalteter Lebkuchen sind ursprünglich eine Spezialität aus Pardubice. Darunter kleines Bild links: Aus Spänen angefertigte Krippe, angefertigt von Jarmila Horná. Darunter rechts: Krippe aus blau-weiß gefärbtem Leinen von Jana Myšáková. Unterhalb links: Holzkrippe in eine Steinlandschaft mit fahrender Elektrolok eingebettet, erstellt vom Atelier Miliarda. Darunter rechts: Einladung der Ausstellung von 1980. Unterhalb links: Krippe aus bemalten Papierschnitten von Jiří Knapovský (Jahrgang 1930 und Veteran der Szene) und darunter die als Krippe gestaltete Ansicht der Prager Burg und Kleinseite in Holz erarbeitet vom Bildhauer Jiří Lain.

Und last, but not least, die darunter links gezeigte gewaltige Holzkrippe des Künstlers Pavel Střítezský, bei der nicht nur eine Hirten und drei Könige das Jesuskindlein im Stall besuchen kommen, sondern unzählige historische Figuren aus der tschechisch/böhmischen, aber auch internationalen Geschichte. Ein wahres Wimmelbild! Und da steht sie auch, die Figur, die für jene Eigenheiten steht, die es vielleicht den Tschechen ermöglichte, dass ihre Liebe zu Krippen zu pflegen – trotz der Bemühungen von Kaiser Joseph und den Kommunisten, die Figur des guten Soldaten Švejk! Die Krippe hat hat sich mit Hilfe von Hintersinn und List, aber auch mit Charme und Witz ihren Platz in den Herzen der Tschechen erhalten. (DD)

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