Die Kapelle: Das einzige, was übrig blieb

Beim Schlendern durch die Straßen Prags wird man bisweilen von unerwarteten kleinen Sehenswürdigkeiten überrascht, die sich auf einmal vor einem auftun. Die Straße U Nesypky in Smíchov (Prag 5) ist zum Beispiel eigentlich nur eine hübsche Wohngegend mit großen Einfamilienhäusern (und einigen Botschafterresidenzen), die meist in den 1920er und 1930er Jahren gebaut wurden. Und plötzlich steht man vor der barocken Kapelle der Dreieinigkeit (Kaple Nejsvětější Trojice) in der U Nesypky 108/2. Sie kommt einem auf den ersten Blick größer vor als sie realiter ist, denn sie ist dekorativ an den steilen Hang gebaut, auf dem dieser Teil der Stadt gebaut ist.

In Wirklichkeit ist sie nur eine kleine, aber sehr effektvoll in die Höhe ragende Kapelle, die nur noch einen Bruchteil eines früheren, aber längst verschwundenen Gebäudeensembles bildet. Im 17. Jahrhundert gehörte die ganze Umgebung nämlich dem Advokaten Georg Maximilian Nesyba, der hier ein Weingut errichtete, zu dem die 1667 erbaute Kapelle gehörte. Von dem Gutshaus und den anderen Gebäuden ist nur die Kapelle übrig geblieben, der Rest fiel 1914 dem Straßenbau zum Opfer. Vorher wechselte es jedoch einige Male die Besitzer und die Kapelle wurde ein wenig vernachlässigt und verfiel.

1732 wurde sie gründlich renoviert und stilistisch überarbeitet. Die hochbarocke Gestaltung, die wir heute sehen, entstand auf dise Weise. Eine weitere gründliche Renovierung des in der Zeit der anti-klerikalen Josephinischen Kirchenreformen der 1780er Jahre wieder etwas heruntergekommenen Gebäudes wurde 1824 von dem damaligen Besitzer Franz Scheiba vorgenommen, ohne dass der Grundcharakter des Gebäudes verändert wurde. Scheiba gehörte zu jenen reichen Bürgern, die sich sozial engagierten und bewirkte u.a. im Vorstand der „Versorgungsanstalt für ohne ihr Verschulden verunglückte Männer, Witwen und Waisen“ viel Gutes.

Wie dem auch sei. Die Kapelle ist das einzige, was vom Ganzen übrig blieb. Dadurch wirkt die Kapelle in ihrem Umfeld noch herausragender als barocker Solitär in einem modern bebauten Wohnviertel. In dieses Wohnviertel ist sie nun rechtlich voll integriert, denn sie ragt zwar in die öffentliche Straße hinein, ist aber Teil des privaten Grundstücks, das einem Anwalt gehört, der sie 2008 so richtig schick restaurieren ließ. Deshalb kann man sie auch nur von außen bewundern. Aber auch so macht sie schon etwas daher. (DD)

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