Meilenstein der Stadtentwicklung

Türme als Baudenkmäler – da denkt jedermann and Kirchen und Stadttore aus dem Mittelalter, von denen es in Prag ja reichlich viele gibt. Einige der interessantesten Türme in Prag stammen jedoch aus neuerer Zeit und dienten profanen Zwecken als Teil der kommunalen Versorgungsstruktur. So auch der berühmte Wasserturm von Vinohrady. Ende des 19. Jahrhundert war Prag und sein Umfeld zur Riesenmetropole angewachsen und die traditionelle Infrastruktur war nicht mehr hinreichend. Das galt insbesondere für die Wasserversorgung, die zu vor aus Brunnen erfolgte, die weder quantitativ noch qualitativ (Seuchengefahr!) den Ansprüchen der Großstadt genügten.

Der Wasserturm von Vinohrady (das bis 1922 noch kein Teil Prags war) in der Korunní 725/66 ist ein Beispiel dafür, wie sich die Stadtväter damals energisch des Problems annahmen.

Er wurde im Jahre 1882 eröffnet, um weite Bereiche des städtischen Umfelds – Vinohrady, aber auch andere heutige Stadtteile wie Strašnice, Žižkov und Vršovice über Wasserleitungen mit frischem und sauberen Wasser zu versorgen.

Der Architekt war Antonín Turek, ein Spezialist für Neorenaissance-Architektur, der in Vinohrady zahlreiche öffentliche Gebäude in diesem Stil erbaut hatte (frühere Beiträge hier und hier). Das war schon ein beeindruckendes Gebäude, das Turek hier entworfen hatte. Heute wird es von einigen anderen hohen Gebäuden umrahmt, aber damals überragte es den Stadtteil. 40 Meter hoch und sieben Stockwerke misst der reich ornamentierte Turm. Im obersten Stock befand sich der eiserne Wassertank mit 200 Kubikmeter Fassungsvermögen, ein anderer befand sich als Nachschubreservoir im Keller. Das Wasser wurde mit Dampfmaschinen zunächst gereinigt aus der Moldau, ab 1912 aus dem Wasserwerk des nordöstlich von Prag gelegenen Ortes Káraný hineingepumpt, bevor es dann durch die Schwerkraft in die Versorgungsleitungen gepresst wurde. 1914 wurden die Dampfmaschinen durch Elektromotoren ersetzt.

Das Bauwerk verdeckt durch den antikisierenden Stil ein wenig seine bloße Nutzfunktion. Die vier Pylone auf dem Dach, die bronzenen Engelsstatuen mit Trompeten an jeder Ecke des obersten Stock, das Stadtwappen Vinohradys, die hübschen Blätter der Uhren auf jeder Seite, und die durch Rustifizierungen ausgestaltete Fassade geben dem Turm eine würdevoll majestätische Ausstrahlung. Und von oben hatte man früher eine wunderbare Aussicht. Solange es noch als Wasserwerk diente, konnte man die oberste Plattform noch gegen einen Obolus besteigen und einen unbeschreiblichen Ausblick auf Prag genießen.

1962 wurde allerdings der Betrieb als Teil der Trinkwasserversorgung eingestellt. 1991 erklärte man das Bauwerk zurecht zum nationalen Denkmal – allerdings wohl nur die Architektur selbst, denn die technischen Einrichtung wie Pumpen, Rohre und Motoren wurden endgültig entfernt, was aus Sicht des Denkmalschutzes aus heutiger Sicht äußerst bedauerlich ist. Seit 1993 wird der Turm als Apartment- und Bürokomplex genutzt. Es lohnt sich aber immer noch, um das Areal herumzugehen und sich von außen dieses Gebäude anzuschauen, das zugleich ein architektonisches Juwel und ein Meilenstein in der kommunalen Stadtentwicklung ist. (DD)

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