Der friedliche Sieg des Kapitalismus in der Metro

Das besondere an diesem Bild ist, dass es nichts Besonderes darauf zu sehen gibt. Nur einen Kiosk und viel Werbung in einer Prager Metrostation. Das Gesicht des Bösen ist unsichtbar. Aber gerade das ist das Besondere – jedenfalls für jeden, der sich 1989 zu Recht gefreut hat, als der Kommunismus zusammenbrach. Was man hier sieht, ist der friedliche Sieg des Kapitalismus über die Tyrannei des Kommunismus.

Man befindet sich hier im westlichen Vestibül der Station Dejvická. Die wurde 1978 eröffnet und hieß damals noch Leninova. Lenin hatte als Namensgeber erst 1990 ausgedient. Stolz prangte hier ein großes Bronzerelief des Revolutionärs und Gewaltherrschers neben der die Worte des regimetreuen Dichters Wladimir Wladimirowitsch Majakowski  standen: „Lenin lebt und lebt mehr denn je und ist unser Bewusstsein, unsere Stärke und unsere Waffe.“ Wie das damals aussah, kann man hier sehen. Passend dazu fand sich im Ostvestibül ein Bronzerelief mit wehenden Hammer-und-Sichel-Fahnen.

Während bei anderen Stationen Diskussionen darüber stattfanden, ob man die Realsoz-Kunstwerke hängen lassen oder abhängen sollte (früheres Beispiel hier), entschied sich die Sache hier evolutionär. Der Kommerz überwuchs die Propaganda auch so, ohne dass man Akte des Ikonoklasmus begehen musste. Den bronzenen Lenin gibt es anscheinend noch, aber er ist völlig von Kiosk und Werbung überdeckt worden. Dasselbe passierte mit den Sowjetfahnen. Kein zerstörender Hammerschlag, sondern nur die milde Kraft von Angebot und Nachfrage bewirkte es, dass die Relikte des Bösen aus dem Blick verschwanden und gebannt wurden.

Deshalb findet man als einziges Stück „Erinnerungskultur“ nur eine kleine Bronzetafel mit den Namen der beteiligten Kommunal- und Staatsbetriebe, die die Eröffnung möglich gemacht hatten – unter der Federführung des heute mit Erfolg privatwirtschaftlich agierenden Baukonzerns Metrostav. Das ist angesichts der geleisteten Arbeit fair und kommt auch ohne jede kommunistische Rhetorik aus. Im Kapitalismus gilt halt das Leistungsprinzip und deshalb musste dieses Schild nicht weichen. Gut so, Station Dejvická! (DD)

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