Kentauren mit Propeller

Wenn man ein ultramodernes Büroareal einrichtet, aber es aus irgendeinem Grunde mit klassisch-antiken Kentauren skulptural ausschmücken will, dann bedarf es einer großen Kreativität, um beides zusammenzubringen. Ganz klar, niemand kann so etwas besser als David Černý, der für seinen anarchischen Humor berühmt-berüchtigte Bildhauer, der Prags öffentlichen Raum schon mit unzähligen hintergründigen und respektlosen Kunstwerken bereicherte (wir berichteten u.a. hier, hier, hier, hier und hier).

Aber wer oder was grast denn da auf den leicht erhöhten Grasflecken auf dem Walterovo náměstí (Walter Platz) in Jinonice (Prag 5) inmitten der Plaza des dort seit 2014 stehenden Büroareals? Diese ausgesprochen schräge, wenn nicht gar unheimlich-grotesk anmutenden Kentauren sind nicht die üblichen Mischwesen aus Mensch und Pferd, wie wir sie aus griechischen Sagen kennen. Vielmehr sind sie Mischwesen aus Pferdehinterleib und Flugzeugmotoren, deren Propeller sich langsam und behäbig im Winde drehen.

Das sieht natürlich verrückt aus, ist aber in Wirklichkeit eine clevere Idee. Sie verbindet den Kentaurenmythos mit der Geschichte des Ortes. Genau hier gründete im Jahre 1911 der Ingenieur Josef Walter seine Walter Automobil und Flugmotoren Fabrik A.G., die zu den Begründern der böhmischen Automobilindustrie (zunächst häufig mit Lizenznachbauten ausländischer Modelle, später mit erfolgreichen Eigenkonstruktionen) gehörte, und sich später eben auf den Bau von Flugzeugmotoren verlegte.

Die Firma wurde nach dem Zweiten Weltkrieg verstaatlicht und hieß fortan Motorlet N.E. und hielt sich sogar einen eigenen Fußballverein, der bis heute existiert. Aber auch der sozialistische Verstaatlichungswahn endete irgendwann (genauer: 1989) und so wurde die Firma als Walter Engines wieder privatisiert. 2007 wurde die Firma von der US-Triebwerkfirma GE Aviation erworben, hat ihren Sitz – nun als Subunternehmen – aber immer noch in Jinonice.

Hier grasen nun friedlich die von Černý bepropellerten Kentauren und erinnern die Menschen, die über den Platz wandeln, daran, dass hier dereinst tschechische Technikgeschichte geschrieben wurde. (DD)

PS: Wer einen echten alten Walter-Flugzeugmotor sehen will, findet einen ebensolchen im Technischen Nationalmuseum schon in der Eingangshalle. Es handelt sich um den Motor Walter K14-1. Es handelte sich um ein Lizenzprodukt, dessen Rechte man 1931 von der französischen Firma Gnome et Rhône erwarb und das man hier in Jinonice 1934 in die Produktion gab. Er kam in der Vorkriegszeit bei einigen Flugzeugen der tschechoslowakischen Flugzeugfirma Aero (z.B. die Aero-102 und Letov (z.B. Letov Š-528) zum Einsatz.

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