Bloße Hände beim Schirding Palast

„Máme holé ruce!“ Wir haben nur die bloßen Hände! Das riefen am 17. November 1989 die Demonstranten in der National-Allee (Národní) den bewaffneten Sicherheitskräften des Regimes entgegen. Die schlugen aber trotzdem hart zu und es gab viele Verletzte unter den freiheitsliebenden Protestierenden, die von der Straße Albertov (nahe des alten Botanischen Gartens) hierher gezogen waren (früherer Beitrag hier), um friedlich für Demokratie und gegen die Herrschaft der Kommunisten zu demonstrieren. An der Národní 118/16/Ecke Mikulandská wurde der Demonstrationszug gewaltsam gestoppt. Es war ein kurzfristiger Erfolg des Regimes, denn die Demonstrationen gingen tags darauf weiter und nur wenige Wochen später war der rote Spuk vorüber.

Der heutige 17. November ist seither ein Nationalfeiertag in Tschechien. Und schon 1990 wurde an der Stelle, wo der Zug endete, eine Gedenktafel (Pamětní deska 17. listopadu) an einer Häuserwand angebracht. Das Denkmal zeigt genau jene unbewaffneten bloßen Hände, die die Demonstranten, die ein Jahr zuvor die Samtene Revolution eingeläutet hatten, den Sicherheitskräften entgegengehielten. Gestaltet wurde es von den Bildhauern Miroslav Krátký und Otakar Příhoda. Es gab Künstlerkollegen, die das Werk als Politkitsch abtaten, aber die Menschen in Prag haben es von Herzen angenommen. Auch außerhalb der Nationalfeiertage findet sich fast immer eine liebevoll platzierte Rose bei den Händen (großes Bild oben).

Das Gebäude, an dem die Denkmalsplakette angebracht wurde, ist auch sonst von historischen Interesse. Es handelt sich um den früheren Schirding Palast (Schirdingovský palác), der von 1731 an von dem Architekten Jan Ferdinand Hübner erbaut wurde und 1752 vom Stadtrat Jan Antonín von Schirding erworben wurde – daher der Name. Schirding nahm einige Änderungen im frühklassizistischen Stil vor.

1838 fiel es in den Besitz des Anwalts Jan Nepomuk Kaňka, ein großer Kunstmäzen, dessen Bildersammlung später den Grundstock des Nationalmuseums bildete, ein Förderer der Musik und Freund Beethovens und ein Philanthrop, der das Haus am Ende einer Gesellschaft vermachte, die sich den rechtlichen Beistand armer und benachteiligter Menschen verschrieben hatte. Im zu Ehren nennt man das Gebäude auch oft Kaňka Haus (Kaňkův dům) und als solches ist es auch heute über dem Eingangstor zum Innenhof gekennzeichnet.

Der spielte auch bei den Demonstrationen vom 17. November 1989 eine Rolle, denn damals war hier eine Durchgangspassage und sie und die enge Mikulandská versuchten die Demonstranten zu fliehen als die Regimeschergen mit der gewalttätigen Niederschlagung der Demonstration begannen. Dabei kam es zu schrecklichen Szenen mit vielen Verletzten. Ursprünglich war die Plakette auch hier in diesem Gang angebracht worden.

Allerdings zog nach der Privatisierung des Gebäudes hier die Tschechische Rechtsanwaltskammer ein, die in den 1990er Jahren den Innenbereich des Gebäudes modernisierte. 2016 veranlasste sie, dass die Passage aus Sicherheitsgründen (Feuerwehreinfahrt) geschlossen und die Plakette an der Vorderfront des Hauses angebracht wurde. Einige Veteranen von 1989 erhoben dagegen Protest; die meisten fanden aber, dass sie jetzt für die Allgemeinheit viel sichtbarer geworden sei. Die Kammer selbst hat ihre Fenster auch ständig mit einer Fotoausstellung dekoriert, die würdig an die dramatischen Ereignisse von damals erinnert. Denn die Ereignisse von 1989 dürfen nicht vergessen werden – und das werden sie auch nicht. Und so werden sich auch am heutigen 17. November wieder tausende Menschen davor (in einer Art Volksfest) einfinden und den Ort des Denkmals mit Blumen und Kränzen in den Nationalfarben überschütten. (DD)

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