Martinsgans und Martinswein

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Das Sankt Martins-Fest ist eigentlich ein Brauchtum, das aus dem Traditionsfundus des altfränkischen Kulturkreis stammt. Dort, in den Grenzgebieten des heutigen Rheinlands, Frankreichs und Belgiens wirkte der gute Martin zunächst als Soldat, der einem Bettler einen halben Mantel schenkte. Später wurde er der Bischof von Tours, obwohl er sich aus Bescheidenheit vor der Wahl zu diesem Amt in einem Stall versteckt hatte. Die Gänse, die ihn dann aber verrieten, ließ er abends als Festmahl servieren – der Beginn des schönen Brauchtums der IMG_5523Martinsgans. Aber wieso feiert man hier in an der Moldau zwar anders, aber dennoch wild-begeistert den Rheinländer Sankt Martin?

Das verdankt man möglicherweise nicht dem Heiligen selbst, sondern Kaiser Joseph II., der um 1780 einen Erlass mit Nebenwirkung erließ. Am 11.11., dem Martinstag (für Kölsche auch Karnevalsbeginn!), sollten die Weinbergbesitzer die neue Weinernte kosten, um dann den Vertrag mit ihren (Pacht-) Winzern zu verlängern oder nicht zu verlängern. So wurde es festgelegt  – auch weil es naheliegend war, da in vielen Regionen des Reiches um diese Zeit der erste Wein verkostet wurde. Deshalb ist für die Tschechen dieser Tag zunächst einmal der Tag des jungen Weines. In Prag gibt es folglich keine großen Martinsumzüge mit Fackeln (die gibt es nur in einigen Ortschaften im katholischeren Mähren), sondern Weinfeste. Zu denen hat sich, weil kulinarisch passend, der Brauch des Martinsgansessens hinzugeschlichen, dem die Tschechen nunmehr begeistert frönen.

Das, was man auch in Deutschland manchmal Martinswein oder in Frankreich Beaujolais nennt, heißt hier Svatomartinské. Ob sich ein neuer Wein auch so nennen darf, ist seit 2005 in Tschechien genau geregelt. Die Jury des tschechischen Weinfonds (Vinařský fond), der seit diesem Jahr die Rechte für den Begriff Svatomartinské besitzt, IMG_5517entscheidet darüber nach einem komplizierten Kriterienkatalog, den aber über 300 tschechische Weinsorten bestehen. Die Flaschen der Weine, die den Test bestehen, dürfen auf dem Label das Symbol des Martins auf dem Pferd tragen (siehe großes Bild oben).

Die Auswahl ist also reich. Ergo lohnt es sich, am 11.11. die Weinfeste der Stadt (oder auch in den Weinregionen in Mähren) zu besuchen. In Prag galt lange Zeit der schöne Markt am Náměstí Jiřího z Poděbrad (Georg-von-Podiebrad-Platz) in Vinohrady (früherer Bericht hier) als das Martins-Weinfest schlechthin. Inzwischen hat das ungleich größere und opulentere Fest am Moldauufer (Náplavka, nahe der Smíchover Eisenbahnbrücke), das IMG_5515Svatomartinské Slavnosti, ihm ein wenig den Rang abgelaufen.

Hier bekommt man nicht nur einen überragenden Überblick über die Schaffenskraft der Winzer in ganz Böhmen und Mähren geboten, es gibt auch unzählige herrliche „Fressstände“ (auffallend oft, aber nicht nur mit Gänsespezialitäten). Dazu kommt noch ein abwechslungsreiches Musikprogramm (Bild links). Nimmt man dann noch die Aussicht auf die gegenüberliegende Burg und die Kleinseite hinzu, die sich besondern nachts gut macht, wenn alles beleuchtet ist, dann ist das Glück auf Erden nahe.

Sollte dann noch Platz im Magen sein, sollte man sich ein schönes Restaurant suchen, das eine gut zubereitete Martinsgans bietet. Dafür haben wir einen Tipp: Das U Kroka (Bei Krok) in der Vratislavova 20/28 in Prag 2. Seit 1895 gibt es hier schon das Restaurant, das IMG_5532nach Krok, einer der großen Sagengestalten Böhmens benannt ist. Die Namenswahl passt, denn wir befinden uns hier direkt am Fuße des Vyšehrad, dem legendären alten Burgberg, wo er residiert haben soll. Krok war – neben seiner Funktion als besonders weiser frühmittelalterlicher Richter – unter anderem der Vater von Libuše, der eigentlichen Begründerin der böhmischen Herrscherdynastie der Přemysliden, über die wir schon hier, hier, hier, hier und hier berichteten. Sie war es, die dereinst prophezeite, das Prag das werden werde, was es auch tatsächlich wurde, nämlich eine großartige Stadt.

Der Betrieb des nach Krok benannten Restaurants wurde nur in den Zeiten des Kommunismus unterbrochen, wo das Gebäude als Kindergarten fungierte. 2003 IMG_5530 - Kopieeröffnete man es wieder als Restaurant und seither ist es trotz seiner etwas versteckten Lage ein beliebter Ort nicht nur für Touristen, sondern auch für Einheimische. Am Martinstag ist es jedenfalls selbst abends das von Tschechen besuchte Familienrestaurant schlechthin. Dazu trägt schon einmal die gemütliche Atmospäre bei. Die Einrichtung ist zwar seit einer Renovierung 2011 durchaus modern, hat aber trotzdem den altböhmischen Charme eines authentischen Gasthauses beibehalten. Und dann ist da natürlich der Martinsschmaus. Die Ganszubereitungen locken vor allem Einheimische an, die das Restaurant als Gehiemtipp betrachten. Die gebratene Gänsekeule, aber auch die besonders fein zubereitete Vorspeise aus geräuchertem Gänsefleisch (unteres Bild), die wir letztes Jahr probierten waren exzellent. Das U Kroka bietet eine moderne und darum nicht ganz so schwere Variante klassischer tschechischer/böhmischer Küche. Ja, und natürlich darf der oben abgebildete Svatomartinské (hier ein Blauer Portugieser) nicht fehlen. Und die Festfolge für das nächste Jahr (die auch die des letzten Jahres war, von dem die Photos stammen) steht damit auch fest: Zuerst das Weinfest in der Náplavka, dann das U Kroka. (DD)

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