Kontrastreiches Haus

Waren sich der Hausherr und seine Frau nicht einig, wie ihr Haus denn aus sehen sollte? Wollte sie es modern und progressiv und er lieber retro haben? Oder umgekehrt? Und einigte man sich dann, um den Ehestreit nicht eskalieren zu lassen, auf diesen Kompromiss?

Nein, die auf den ersten Blick so seltsam wirkende Fassade, die inmitten kubistischer Geometrie mit verschnörkelten historistischen Malereien in böhmischen Neo-Renaissancestil aufwartet, ist das Resultat zweier separater Bauphasen, die je durch zwei verschiedene Zeitstile repräsentiert wurden.

Die Modernisierer des großen Eckhauses am Senovážné náměstí 872/25 (Neustadt) wollten bei aller Progressivität und Innovationslust dann doch nicht die historisch überaus bedeutsamen Gemälde des Vorgängerbaus zerstören, sondern beschlossen, sie am Ende durchaus geschickt in die neue Fassade zu integrieren.

Und so verlief die Geschichte: In den Jahren 1887/88 baute der Architekt Rudolf Tereba dieses Mietshaus im Neorenaissancestil für einen Cafébesitzer, der sein Cafe im Erdgeschoss eröffnete, während der der Rest des vierstöckigen Hause (plus Dachgeschoss) vermietet wurde. Das Haus entsprach voll und ganz dem damaligen Modegeschmack. Aber der Besitzer wollte doch noch etwas besonderes.

Auf Höhe des dritten Stocks ließ er deshalb Wandmalereien anfertigen, wofür er keinen Geringeren als Adolf Liebscher gewinnen konnte. Der war damals einer der großen Stars unter den böhmischen Historienmalern. Seine Werke schmückten Prestigebauten wie das Nationaltheater und das Rudolfinum. Hier verewigte er von vielen Ornamenten und Putten umringt auf je einer Hausseite die Heilige Madonna und den Heiligen Wenzel. Ein Liebscher-Gemälde hämmerte man auch später nicht einfach von der Wand, nur weil man sein Haus ein wenig modernisieren wollte.

Die Zeit der Modernisierung kam 1921 als das Café einer Bank wich. Die wurde 1921/22 von den Architekten Theodor Petřík und Václav Pilc durchgeführt. Die vertraten eine tschechische Sondervariante des Kubismus, den sogenannten Rondokubismus, der die geometrischen Formen des Kubismus zur Darstellung folkloristischer Anspielungen verwendete.

Die nunmehr vertikal-linear strukturierte Fassade mit den zahlreichen Rund- und Halbrund-Elementen (insbesondere im Dachgeschoss) umrahmen nun sehr kontrastreich die Liebscherschen Malereien. Dazu verwendeten sie einen neuartigen Kunstmarmor – auch dies eine Innovation. Dadurch, dass die neuen Fassadenelemente streng weiß gehalten sind, während die alten Malereien farbig sind, wird der Kontrast noch größer – was dafür sorgt, dass das Haus zumindest auffällt und zunächst Rätsel aufgibt. (DD)

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