Vom Zollhof zur Touristenidylle

Heute genießt man hier einen der schönsten Innenhöfe der Prag. Im Sommer laden Biergärten und kleine Restaurants zum Verweilen in einer atemberaubend schönen Umgebung ein. Nur die wenigsten der Touristen, die hier einkehren, ahnen, dass diese Innenhofanlage ursprünglich geradezu der Ausdruck der zünftischen Wirtschaftsordnung schlechthin war. Die Rede ist von dem auf Deutsch Ungelt und in Tschechisch Týnský dvůr (Teynhof) genannten Areal direkt in der Nähe der berühmten Teynkirche im Herzen der Altstadt.

Wer im Mittelalter als auswärtiger Händler in Prag sein Geschäft aufbauen wollte, konnte nicht einfach zollfrei den europäischen Binnenmarkt nutzen oder sich irgendwo in der Stadt ein Büro mieten.

Das alte tschechische Wort „týn“ bedeutet soviel wie „Zaun“. Und um ein umzäuntes Gebiet für auswärtige Händler handelte es sich schon seit dem 12. Jahrhundert, wie archäologische Forschungen ergaben. Hinter den Mauern gab es für die Händler eine eigene Welt mit Unterkunft, Kirche, Spital, Tavernen, Ställen und Lagerräumen. In den damaligen Zeiten ergab das einen gewissen Sinn, denn so ließ sich durch den König, der ihnen den Platz zugeteilt hatte, auch der Schutz und die Rechtssicherheit für die Händler in diesen unsicheren Zeiten gewährleisten. Dafür zahlte man dann auch gerne eine Gebühr.

Im 14. Jahrhundert entwickelte man diese Finanzierungsform weiter und wandelte die Sicherheitszahlung in ein Zollprivileg um. Hier wurde erst der Zoll für nach Prag eingeführte Waren abkassiert, später auch der Zoll für Waren, die sich nur auf dem Weg durch Prag befanden und schließlich sogar der Zoll für alle Waren, die nach Böhmen eingeführt wurden. Der Ungelt (so das altdeutsche Wort für Zoll) wurde ein riesiger privilegierter Handelsplatz und eine Goldgrube für den königlichen Staatshaushalt.

Die wirtschaftlichen Einbrüche durch die Hussitenkriege im 15. Jahrhundert hatten allerdings einen gewissen Niedergang zur Folge und ab dem 16. Jahrhundert reduzierte sich das Zollprivileg wieder nur auf denhandel in Prag. 1774 – die Zeit befestigter Handelszentren dieser Art war vorbei – wanderte die Zollstelle gar an einen anderen Ort in Prag ab.

Der Ungelt verlor seine einstige Bedeutung und verkam allmählich zu einem Armenviertel. Erst in den frühen 1980er Jahren begann man die architektonische Schönheit und das touristsiche Potential des Ortes wieder zu erkennen und begann mit der Renovierung, die in den 1990ern abgeschlossen wurde.

Wer heute durch eines der beiden kleinen Tore (links sieht man das südliche Tor) in den Hof tritt, sieht nur blitzblanke Fassaden und gepflegte Läden und Restaurants. Und man kann die Architektur, die einen umgibt, bewundern. Die ist bei den meisten der 18 Häuser, die den Hof umgeben, im Barockstil gebaut. Das liegt daran, dass
bei dem Großen Brand in der Altstadt von 1689 die meisten mittelalterlichen Gebäude zerstört wurden und folgerichtig danach im damals modernen Stil erneuert wurden.

Dabei gibt es eine Ausnahme, nämlich das am Südtor gelegenen
Granovsky Palais (palác Granovských), das zu den schönsten Renaissance-Palästen der Stadt gehört (siehe großes Bild oben). Der wurde 1558 für den damaligen Verwalter des Ungelt, Jakub Granovští z Granova, gebaut, nachdem Kaiser Ferdinand I. im dazu das Grundstück zur Verfügung gestellt hatte. Das mit prachtvollen Arkaden im italienischen Stil der großen Loggia des ersten Stocks ausgestattete Gebäude besticht vor allem durch seine Fassadenbemalung. Es handelt sich um biblische Szenen, die in der Grisaille-Technik (grau-weiß) oder als Sgraffiti erstellt wurden. Dafür hatte sich der Besitzer sogar den italienischen Hofmaler Kaiser Ferdinands leisten können, Francesco Terzio. Im frühen 18. Jahrhundert ging das Haus in den Besitz der Teynkirche über und heute, nach der Renovierung, befinden sich im Erdgeschoss kleine Geschäfte.

Aber auch andere Häuser sind sehenswert. Erwähnt sei hier das angrenzende Petráčkovský dům, das dereinst eines der ältesten Gasthäuser der Stadt beherbergte. Durch das Renaissance-Gebäude führt heute das Südtor in den Hof des Ungelt (Bild links).

Das gegenüber liegende Tor führt dann durch das wiederum eher barocke Vrbnovský-Haus, in dem sich noch heute ein viel besuchtes Café und Restaurant befindet.

Der Publikumsliebling unter den Häusern dürfte jedoch eindeutig das
Haus Zum schwarzen Bären (U Černého medvěda) sein. Das Haus wurde 1428 erstmals erwähnt, dann aber 1689 und 1718 in zwei Schüben barockisiert. Seit den 1980er befindet sich darinnen ein Hotel. Über der Trü sieht man die Barockstatue des Heiligen Nepomuk. Dem wird allerdings ganz klar die Schau gestohlen durch den schwarzen, in Stein gemeißelten kleinen Bären auf der Höhe des ersten Stocks. Er ist zweifellos der Namensgeber des schönen Hauses.

Drumherum stehen soag einige Bäume, die im Sommer Schatten spenden und den einstigen Zollhof zur Touristenidylle werden lassen. (DD)

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