Bären für den 14. Oktober

Die drei Bärchen des hübschen Brunnens geben keinen Hinweis darauf. Darum errät nicht jeder, warum dieser Platz mit seiner Parkanlage náměstí 14. října, also Platz des 14. Oktober heißt. Was hat es mit diesem Datum auf sich?

Im Herbst 1918 war die militärische Lage für die die Habsburgermonarchie verzweifelt. Der Erste Weltkrieg neigte sich dem Ende zu. Um wenigstens für die österreichische Reichshälfte zu retten, was zu retten war, wollte
Kaiser Karl I. mit den Entente-Mächten auf Basis von US-Präsident
Wilsons 14-Punkte-Programm eine Lösung verhandeln, die das Habsburgerreich bestehen ließ, aber den einzelnen Völker – darunter den Tschechen – viel politische Autonomie gewährte. Er hatte die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Am selben Tag als er mit den Verhandlungen beginnen wollte, gründet sich in Paris die provisorische Tschechoslowakische Regierung unter der Führung von
Tomáš Garrigue Masaryk, dem späteren Präsidenten. Die Entente-Mächte verwehrten der neuen Regierung ihre Anerkennung nicht. Am 28. Oktober wurde dann schon in Prag kein autonomes Böhmen im Kaiserreich, sondern die Tschechoslowakische Republik ausgerufen (früherer Beitrag hier). Man könnte überspitzt sagen, dass die Gründung der provisorischen Regierung – eben an jenem 14. Oktober 1918 – bereits die Unabhängigkeit besiegelte. Und deshalb benannte man kurz nach der Republikgründung den schönen kleinen Platz im Stadtteil Smíchov (Prag 7) nach diesem Datum.

Auf dem Platz selbst erinnert optisch kaum an das Ereignis. Er ist ja auch wesentlich älter. Im Jahre 1673 hatte an dieser Stelle der kaiserliche Rat Jan Jiří Jáchym Slavata z Chlumu a Košumberka einen wesentlich größeren Garten, den Slavatovská zahrada (Slavatovská Garten) im streng formalen barocken Stil errichten lassen, der u.a. auch den heutigen Park der Dientzenhoferschen Villa in der Nähe umfasste (früherer Beitrag hier).

Dank der mit dem Wachstum Prags im allgemeinen und der des aufstrebenden Industrieviertel Smíchov im speziellen verbundenen Umgestaltungen der Stadt ist nur noch wenig davon übrig. Die geometrische Form der Anlage suggeriert Anklänge an die frühere formale Barockgestalt des Garten. Um so mehr überstrahlt den Park das eine Originalstück – der berühmte Bärenbrunnen (Medvědí kašna)!

Der Brunnen wurde 1689 von dem Bildhauer Hieronymus Kohl gestaltet. Er erinnert ein wenig an einen Brunnen, der im 2. Hof der Burg steht, und ein Werk des selben Künstlers ist, allerdings ohne die charmanten Bärchen auskommen musste (siehe ganz kleines Bild unten links). Im Jahre 1894 verpflanzten die Stadtplaner den Brunnen an den rund einen Kilometer entfernten Kinský Platz, womit jede optische Erinnerung an den alten Park verschwand.

1998 korrigierten die Smíchover Stadtväter diese Entscheidung und versetzten den Brunnen wieder an die alte Stelle. In den Jahren 2005/06 wurde er ausgiebig renoviert, wobei u.a. die von Vandalen abgebrochene Forke des Neptun wieder restauriert wurde.

Neptun ist natürlich der offiziöse Held des Brunnens. Er steht majestätisch, wie er es nur im Barock konnte, auf dem höchsten Punkt des Brunnens, auf einem geschmückten Sockel, der wiederum reich verzierten Schale steht, in der das Wasser zuerst einfließt. Aber niemand nennt den Brunnen deshalb „Neptunbrunnen“. Der Grund ist, dass die Schale wiederum von drei putzigen Bären getragen wird, die beim Publikum schlichtweg besser ankommen. Sie machen einen jedenfalls die wichtigen Ereignisse des 14. Oktober fast vergessen. (DD)


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