Bescheidener Ort der Glaubensfreiheit

Das mittlerweile recht heruntergekommene Gebäude sieht schlicht und bescheiden aus. Aber für die Protestanten in der Stadt bedeutete es dereinst ein Stück echter Freiheit. Seit der Schlacht am Weißen Berg von 1620 (auch hier), bei der die katholischen Habsburger den Sieg über die freien böhmischen Stände davontrugen, wurde das Land einer rigiden Zwangskatholisierung unterworfen, die keinen Platz für Glaubensfreiheit ließ.

Das änderte sich 1781 als Kaiser Joseph II., ein aufgeklärter Monarch auf dem Thron, sein berühmtes Toleranzpatent erließ. Es erlaubte auch den Mitgliedern der Prager Evangelischen Gemeinde wieder, sich zu versammeln und ihre Gottesdienste in einem Gotteshaus abzuhalten. Die neue Glaubensfreiheit war noch immer äußerst beengenden und strengen Regeln unterworfen. Ein evangelisches Gotteshaus durfte nicht wie eine „echte“ (also katholische) Kirche aussehen, also zum Beispiel keinen Kirchturm oder auch nur bunte Kirchenfenster haben.

Die Gemeinde begnügte sich deshalb 1784 mit dem Erwerb eines normalen Wohngebäudes in der Tischlergasse (heute: Truhlářská 1113/8) in der Neustadt, das sie zu ihrem zentralen Bethaus umbaute. Das Haus, das auf den Kellern zweier mittelalterlicher Gebäude stand, war um 1723 einheitlich barockisiert worden. Die Evangelische Gemeinde renovierte es nun vorsichtig in einem sehr schlicht gehaltenen klassizistischen Stil und wandelte den im ersten Stock befindlichen Tanzsaal in einen Gebetssaal um.

Von 1785 an nutzte neben der tschechischen Gemeinde auch die deutschsprachige Gemeinde das Gebäude. Ab 1790 konnte sie aber bereits einen eigenen Gebetssaal nutzen.

Das Ende der sakralen Nutzuung des Hause kam mit dem Protestantenpatent, das 1861 von Kaiser Franz Joseph I. erlassen wurde, und die volle rechtliche Gleichstellung der Konfessionen gewährte. Sowohl die tschechische (siehe hier) als auch die deutsche Gemeinde konnten sich von nun an richtige Kirchen gönnen, was sie ab 1863 auch taten. Das Haus in der Truhlářská wurde vermietet und im ersten Stock wurde wieder ein Tanzsaal eingerichtet. 1905 wurde das Haus gar verkauft. Der große Raum wurde in kleine Wohnungen unterteilt. Die Nutzung als Gotteshaus – immerhin ein veritables Stück Geschichte der Glaubensfreiheit – geriet in Vergessenheit. Und es verfiel und verkam. Zuletzt war der erste Stock unbewohnt. Der Putz bröckelte überall ab. Ein Trauerspiel!

Erst in letzten Jahren hat man das Erbe der sogenannten Toleranzkirchen, wie die nah dem Toleranzpatent erbauten Gotteshäuser oft genannt werden, in Tschechien wieder als wichtigen Teil des Kulturerbes zu schätzen gelernt, von denen es im Land recht viele gibt. Seit 2016 bemüht sich die Denkmalschützerin Marta Procházková intensiv um das Andenken Prager Gebetshauses. Zusammen mit der Evangelischen Kirche der Böhmischen Brüder will sie das Haus in ein Museum des Böhmischen Protestantismus verwandeln. Das ist bisher aber an Eigentums- und Geldfragen gescheitert. Immerhin haben vor einiger Zeit Renovierungs- und Restaurationsarbeiten an dem Kulturdenkmal begonnen. Oben am Dach ist bereits ein Gerüst angebracht worden. Ein Hoffnungsschimmer, der hoffen macht, dass hier doch dereinst ein Museum eröffnen wird. Man muss also vielleicht noch ein wenig Geduld haben. Dem Projekt wäre jedoch der Erfolg zu wünschen. (DD)

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