Essen im Bürgerschwimmbad

Ein ungewöhnlich gutes Restaurant braucht auch ein ungewöhnliches Gebäude. Das haben zumindest die Betreiber des Restaurace Občanská plovárna beherzigt, das sich das historisch bedeutende Bürgerschwimmbad am Moldauufer als Standort auserkoren hat.

Das schicke und qualitativ spitzenmäßige Restaurant ist unter der Letnáhöhe gleich neben der schön jugendstiligen Čech-Brücke (Čechův most, siehe auch hier) gelegen. Das Restaurant ist nicht ganz leicht zu erreichen, aber die Mühe lohnt sich!

Bevor man mit dem guten Essen und dem guten Wein beginnt, sollte man erst einmal mit dem Gebäude anfangen. Das war nämlich das erste öffentliche Schwimmbad in Prag überhaupt. Ja, und nicht nur in Prag, denn als es 1806 von dem adligen General und Badeliebhaber Ernst von Pfuel eingerichtet wurde, musste Wien noch drei und Berlin noch acht Jahre warten, bis dort ein erstes Flussbad für die Öffentlichkeit eingerichtet wurde.

Für einige Verwirrung sorgte die Tatsache, dass das Bad primär auch vom Militär genutzt wurde, um den Rekruten das Schwimmen beizubringen, aber gleichzeitig auch einfache Bürger hier im Fluss plantschen durften. Das gab grobe Reibereien und 1840 eröffnete man direkt daneben neue zusätzliche Becken und gründete somit das erste rein zivile Bürgerschwimmbad, wie es seither hieß. Der Architekt und Bildhauer Josef Kranner errichtete dazu gleichzeitig ein klassizistisches Gebäude für die Umkleidekabinen

Das Bad gedieh prächtig und so wurde 1876 das Gebäude großzügig erweitert, um einen Restaurantbetrieb hinzuzufügen. Das Datum kann man nunmehr über dem Eingang des riesigen Gebäudes in Stuck bewundern. 1906 übernahm die Stadt Prag das Bürgerschwimmbad, um es 1924 an einen Schwimmverein zu vermieten. In den Zeiten des Kommunismus verfiel es ein wenig und der Schwimmbetrieb wurde irgendwann in den 1960er Jahren eingestellt. Dazu trug auch bei, dass Schwimmen im kalten (und nicht immer ganz sauberen) Flusswasser inzwischen etwas aus der Mode geraten war und die Menschen geheizte Hallenbäder bevorzugten.

Das Ende des Kommunismus brachte Privatisierungswirrnisse mit sich. Die Nutzung als Kasino blieb umstritten und wurde beschränkt. Und 2019 eröffnet hier neben einem Ausstellungszentrum das neue Restaurant.

Womit wir bei Thema sind: Die Küche wird von den beiden Spitzenköchen Jan Mužátko und Filip Hošek geführt, die beide in Lyon bei dem großen französischen Starkoch Paul Bocuse gelernt haben. Man bekommt ästhetisch ansprechende und raffiniert wohlschmeckende Kost geboten. Und zwar zu vergleichsweise erschwinglichem Preis. Selten habe ich so etwas schlicht daherkommendes, aber Raffiniertes gegessen, wie die oben abgebildete kalte Erbsensuppe. Und auch die Entenpastete, die meine Frau bestellte, war exzellent! Die Nachspeisen nicht zu vergessen…. Die Speisekarte ist klein, was darauf hindeutet, dass hier wirklich frisch gekocht wird.

Dazu kommt eine feine Weinkarte mit vielen französischen, aber auch einigen ausgesuchten tschechischen Weinen. Die kann man im Sommer draußen auf der Terasse genießen. Da kann man die Schiffe auf der Moldau hin und her schippern sehen und in der Ferne die Türme der Karlsbrücke bewundern.

Und wenn es kälter wird, diniert man eben drinnen! Das Gebäude wurde schon 2004 (nach der Flut von 2002, die schwere Zerstörungen am Gebäude anrichtete) grundlegend saniert und modernisiert. Die moderne Einrichtung mit vielen klaren Flächen und viele Stahl hat den Schwimmbadcharakter des ganzen geschickt bewahrt. Auf zwei Stockwerken gibt es Sitzmöglichkeiten (das ganze könnte Großevents beherbergen) und alles glitzert und glänzt nur so. Den Köchen kann man von den meisten Plätzen bei der Arbeit zuschauen. Ein grandioser Ort! Ab und an gibt es hier auch in separaten Räumen Konzerte und Kulturveranstaltungen. Also wenn man sich so richtig Feines in ungewöhnlichem Ambiente gönnen will, ist man im Bürgerschwimmbad am rechten Ort. (DD)

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