Intelligenzbrücke

„Intelligenzbrücke“ (most intelingence) nennt der Volkmund dieses Bauwerk. Die Brücke ist natürlich nicht intelligent, zumindest nicht intelligenter als andere. Auch ist die Sache keineswegs wirklich witzig gemeint; eher sarkastisch. Vielmehr verbirgt sich hinter diesem Namen die Erinnerung an eine der vielen Perfidien der Kommunisten nach ihrer Machtübernahme 1948. Die wollten ja ein „Arbeiter- und Bauernparadies“ verwirklichen. Menschen mit bürgerlichem Hintergrund oder höherer Bildung galten da per se als Klassenfeinde. Warum sollte man die nicht zwangsweise – letztlich als Sklaven – zum Arbeiterdasein zwingen? Deshalb wurde diese Brücke von Ärzten, Philosophen, Anwälten und anderen Akademikern (im Kommunistenjargon: „die Intelligenz“) in harter Zwangsarbeit errichtet.

Pläne für eine Eisenbahnbrücke, die die Stadtteile Braník (Ostufer) und Malá Chuchle (Westufer) verbinden sollte, gab es schon in den 1920er Jahren. Derartige Pläne waren auch sinnvoll innerhalb eines Gesamtkonzeptes, das die Innenstadt vom durchfahrenden Güterverkehr entlasten sollte. Das Projekt verzögerte sich aber immer mehr und blieb im Zweiten Weltkrieg erst einmal vollständig stecken. Erst 1949 begann die nun kommunistische Regierung mit der Umsetzung. 1955 war die Brücke fertiggestellt. Die Zwangsarbeiter hatten, obwohl fachfremd, eine stabile Brücke hinbekommen und Kompetenz bewiesen. Das konnte man allerdings von den kommunistischen Planern nicht behaupten…

Eigentlich hätte die in Wirklichkeit Braník-Brücke (Branický most) benannte Brücke mit rund 910 Metern Länge (plus einem Landanteil von 800 Metern) die längste zweigleisige Eisenbahnbrücke Europas werden sollen. Aber inzwischen hatte man den Verkehr kleinteiliger geplant und ein zweites Gleis brauchte man nicht mehr. Zudem war der 400 Meter lange Tunnel, der von der Brücke ans westliche Ufer führte, mit einer für zwei Gleise zu engen Kurvenführung gebaut worden. So sieht man wegen kommunistischer Planungsfehler heute nur ein Gleis und eine leere Gleistrasse auf der Brücke. Für das, was sie heute leisten muss, ist sie mit 14 Metern Breite ein wenig überdimensioniert.

Erst 1964 wurde die Brücke überhaupt für den Güterverkehr eröffnet – zuvor wurde sie nämlich nur für statische Versuche mit verschiedenen Lokomotiven verwendet.

Die Brücke befindet sich im Durchschnitt 19 Meter über dem Spiegel der Moldau und bewältigt – für das Auge kaum sichtbar – einen Höhenunterschied von sechs Metern.

Der Baustil dieser nicht besonders auffälligen Brücke aus Stahl und Beton entspricht noch der Ästhetik des Funktionalismus der Vorkriegszeit (als die ursprünglichen Planungen begannen). Nicht besonders schön, aber es gibt hässlichere Brücken. An einem schönen Sommertag kann man über sie als Fußgänger spazieren gehen und die Moldau unter sich wegfließen sehen. Das sieht schon idyllisch aus. Aber man erinnert sich ihrer sowieso weniger wegen ihrer ästhetischen Dimension, sondern wegen ihrer historischen – als Denkmal für die Absurditäten und die Gemeinheiten der kommunistischen Ära. (DD)

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