Wo die Schlacht im Ausflugslokal tobte

Hier in diesem Gebäude – damals ein Wirtshaus – begann am 28. Juni 1881 die bedeutendste Schlacht des späten 19. Jahrhunderts auf dem heutigen Prager Stadtgebiet. Man findet die Schlacht von Kuchelbach (tsch.: Chuchelská bitva) allerdings in keinem Werk zur Militärgeschichte. Als „Schlacht“ wurde sie erst 1930 von keinem Geringeren als Erwin Kisch in einem rückblickenden Reportagenbeitrag bezeichnet, denn in Wirklichkeit war es eine große Wirtshausschlägerei, die in eine Straßenschlacht ausartete. Aber die Bezeichnung blieb hängen, denn die Ereignisse warfen ein dramatisches Schlaglicht auf die entstehenden politischen Spannungen, die von nun an zwischen den deutschen und den tschechischen Bewohnern Prags und Böhmens eskalierten.

War zuvor Prag hauptsächlich von deutschsprachigen Bürgern bewohnt, so hatten sich ab den 1860er Jahren die Verhältnisse hin zu einer tschechischen Bevölkerungsmehrheit verändert. Und die Vertreter der Tschechen begannen immer mehr, die Zweisprachigkeit im böhmischen Reichsteil des Habsburgerreichs einzufordern. Nur wenige Monate vor der Schlacht hatte deshalb der Reichsrat – recht großzügig! – beschlossen, die Karlsuniversität (siehe auch früheren Beitrag hier) in eine deutsche und eine tschechische Universität aufzuteilen. Das machte aber irgendwie niemanden glücklich. Die Deutschen befürchteten, dass ihre Universität nun unbedeutend würde, wie dies zuvor bei der Technischen Hochschule (wo nur der tschechische Teil florierte) geschehen war. Die Tschechen hätten am liebsten die Universität ganz übernommen, weil sie ja die Mehrheit stellten.

Das angekündigte Stiftungsfest der deutschen Studentenverbindung Corps Austria, das mit einem Dampferausflug in den kleinen Vorort Malá Chuchle (damals Kuchelbad; südlich von Prag gelegen) enden sollte, wo man im dem hübschen kleinen Wirtshaus am Waldesrand einkehren wollte, wurde von tschechischen Studenten und Nationalisten aller Arten zum Signal erkoren, nun ein Exempel zu statuieren. Die Laune der Beteiligten wurde noch aggressiver, weil tags zuvor bei den Vorstandswahlen bei der Prager Handelskammer sich die deutsche Seite durchgesetzt hatte. Zudem war wenige Wochen zuvor das Nationaltheater abgebrannt und es tauchten unbegründete Verschwörungstheorien auf, die Deutschen hätten den Brand gelegt. Kurz: Die Stimmung wurde so richtig mies.

In einer tschechischen Tageszeitung erschien kurz vor dem Ausflug der deutschen Studenten die kodierte Anzeige „Heute nachmittags Stelldichein in Kuchelbad, wer kann, der komme bis 4 Uhr, die Schraubendampfer verkehren während des ganzen Nachmittags.“ Sie lockte eine große, lärmige und gewaltbereite Menge an, die die Zahl der vorsorglich dort stationierten Polizisten weit übertraf. Nach dem ersten Austausch von gegenseitigen Beschimpfungen und dem Absingen der jeweiligen nationalistischen Lieder schien sich die Lage zu beruhigen, bis irgendwann der Ruf „Němečtí psi, domů!“ ertönte, was soviel wie „Deutsche Hunde, nach Hause!“ heißt, und einigen deutschen Studenten Gläser an den Kopf flogen. Eine wilde Prügelei begann und die mengenmäßig unterlegenen deutschen Studenten begannen den Rückzug zum Dampfer. Selbst dort waren sie nicht sicher, denn bei der Rückfahrt erwartete sie bei etlichen Brücken ein Steinhagel. Einige Studenten schafften es sowieso nicht zum Schiff und irrten noch bis zum nächsten Morgen im nahen Wald herum. Acht schwer verletzte und unzählige leicht verletzte Studenten mussten von Ärzten behandelt werden.

DIe unerfreulichen Ereignisse hatten Konsequenzen. Die Regierung ging unbeirrt in ihrem Plan voran, die Universität zu teilen, was übrigens keine der von beiden Seiten befürchteten Konsequenzen mit sich brachte. Etliche tschechische Studenten wurde bestraft und relegiert. Die Schlacht erregte reichsweit und sogar international mediales Aufsehen. Das Klima zwischen Deutschen und Tschechen verschlechterte sich noch mehr. In vielen Gemeinden des Landes kam es nun vor, das tschechische Gäste aus deutschen, und deutsche Gäste aus tschechischen Kneipen herausgeworfen wurden. Die chauvinistische Stimmung, die sich 1914 im Weltkrieg entlud, war vorbereitet.

Heute erinnert nichts mehr in Malá Chuchle an die Ereignisse. Friedlicher kann ein kleiner Ausflugsort gar nicht sein als dieser. Das Gebäude Nr. 42, wo die „Schlacht“ begann, ist schon lange kein Wirtshaus mehr, sondern gehört heute der Karlsuniversität und beherbergt einen Teil der Landwirtschaftlichen Fakultät. Es handelt sich um ein schönes Barockwohnhaus aus dem späten 18. Jahrhundert, dass ursprünglich zu der nebenan gelegenen Kirche der Mariengeburt (kostel Narození Panny Marie) gehörte, die mittelalterlichen Ursprungs ist, aber ihre heutige barocke Form erst 1774 bekam. 1785 fiel der Komplex der Säkularisierung durch Kaiser Joseph II. anheim. Als Malá Chuchle um 1900 zum „Bad“ erklärt wurde, war das Gebäude bereits als Wirtshaus bekannt und fand unter den nunmehr in Scharen zur Erholung Einkehrenden regen Zulauf – so auch bei den unglücklichen Studenten von 1881, die an der „Schlacht von Kuchelbad“ teilnahmen. (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s