Wo Kafka bei der Versicherung arbeitete

Dass im Versicherungswesen viel Geld steckt, beweist schon das Äußere dieses doch recht pompösen Gebäudes am Wenzelsplatz 832/19. Es wurde in den Jahren 1907/08 für die Assicurazioni Generali gebaut, eine Versicherung, die ihren Hauptsitz in Trieste hatte, das damals noch nicht zu Italien, sondern zum Habsburgerreich gehörte.

Nur die besten Architekten und Künstler der Zeit waren gut genug für dieses Gebäude. Die Pläne stammten von Friedrich Ohmann (früherer Beitrag hier) und Osvald Polívka (u.a. hier, hier und hier), die damals begannen, das Stadtbild des neuen modernen Prags zu prägen.

Das Auffälligste ist von außen jedoch die reiche Fassadengestaltung, an der sich gleich vier der wichtigsten in Prag agierenden Bildhauer der Zeit so richtig austoben konnten: Stanislav Sucharda (frühere Beiträge hier und hier), Bohuslav Schnirch (hier und hier), Čeněk Vosmík (hier und hier) and Antonín Procházka.

Meist handelt es sich um allegorische Statuen, die sich hier finden lassen, und die irgendwie einen Bezug zum Versicherungswesen haben. So etwa die Darstellung im großen Bild oben, wo uns ein vor seinem Schiff stehender Seebär darauf hinweist, dass Schiffsversicherungen ganz klar zum Kernmetier der Gesellschaft gehörten.

Oder die Landwirtschaft, wie die Figur des ein Bündel Getreideähren mit sich tragenden Mädchens (Bild links) demonstriert.

Wie gesagt, die Versicherung hat sich das etwas kosten lassen – allerdings für ihr Geld auch viel bekommen. Das Gebäude ist sicher eines der auffallendsten Schmuckstücke des Wenzelsplatzes.

Im Erdgeschoss des Hauses befindet sich heute ein Modegeschäft, dessen Inneres nicht ahnen lässt, was einen damals auch dort erwartete. Der Haupteingang führt jedoch in den Büroteil, wo heute zahlreiche Firmen residieren. Von Vorhalle und Treppenhaus kann man ab und an einen Blick erhaschen. Weiter oben ist es wohl noch prachtvoller. Aber auch das, was man unten sehen kann, beeindruckt schon, zumal das Haus in gutem Schuss gehalten ist und auf das Feinste renoviert wurde.

Ja, und in dem Haus hat sich nicht nur kalte Wirtschaftsgeschichte um das dröge Versicherungswesen abgespielt, sondern auch ein wichtiges Kapitel Prager Kulturgeschichte. Kein geringerer als Franz Kafka fand hier nach Eröffnung des Gebäudes einen Job als Angestellter bei der Versicherung. Das Gehalt war mager und die hart und vor allem sehr verwaltungstechnokratische Arbeit lag dem kreativen und empfindsamen Geist des Schriftstellers nicht. Sie inspirierte ihn aber zu einigen literarischen Glanzleistungen, die die Absurdität des modernen Bürokratismus in allen düsteren Aspekten darstellten. Kein Jahr dauerte das Angestelltenverhältnis. (DD)

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