Kalkofen im Naturschutzgebiet

Hoch ragt die Burg über den Felsen. Und über den Zinnen schaut der wachsame Ritter weit ins Land hinein, ob der Feind naht…. Unsinn! Das, was da ein wenig wie eine mittelalterliche Burg aussieht, ist in Wirklichkeit ein Industriedenkmal aus dem 19. Jahrhundert.

Über dem im Südwesten Prags gelegenen Stadtteil Velká Chuchle wurden um das Jahr 1875 die berühmten Pacoldschen Kalköfen (Pacoldova vápenka) errichtet. Der Ingenieur und Professor an der Prager Technischen Hochschule Jiří Pacold hatte in dieser Zeit ein Patent erhalten für ein spezielles Verfahren der Kalkbrennung, das auch nicht sortierten Kalkstein effizient verwertete, unter anderem durch die Verwendung zweier verbundener Öfen mit je zwei Schornsteinen. Die Anlage in Velká Chuchle war die erste der Art, die er einrichtete.

Pacolds Kalkofen war ein solcher Erfolg, dass sehr bald Unternehmen zuerst in Böhmen, dann in der ganzen Habsburgermonarchie die Technologie einsetzten. Insgesamt um die 150 Pacoldöfen soll es gegeben haben. Aber auch die schönste Technologie veraltet irgendwann. Die Anlage in Velká Chuchle stellte 1938 ihren Betrieb ein.

Die verfallende Anlage wurde 1948 von den Kommunisten verstaatlicht, was ihr erwartungsgemäß auch nicht wieder auf die Beine half. Immer mehr von den metallenen Einrichtungen im Inneren wurden gestohlen oder abgebaut. Heutige Denkmalschützer können sich nur noch vor Verzweiflung die Haare raufen.

Um 1964 begann man das ansonsten recht stabile Gebäude als Sprengstofflager (zunächst für die gerade einsetzenden Bauarbeiten für die Prager Metro) zu nutzen. Diese Nutzung hält bis heute an, da nach dem Abhandenkommen der inneren Anlagen eine geplante Umwandlung in ein Industriemuseum nicht mehr in Frage kam. Immerhin stellte man das von außen immer noch beeindruckende Gebäude 1966 unter Denkmalschutz.

Warum Pacold seinerzeit den Ofen hier errichtete, ist klar. Er liegt inmitten des heutigen Homolka-Naurschutzgebietes, das in wunderschön waldiger Umgebung heute ein beliebtes Naherholungsareal für die Prager ist. Hier findet man neben einer interessanten Flora und Fauna vor allem dramatische Felsformationen als (übrigens sehr fossilienhaltigem) Kalkstein.

Und eben diesen Kalkstein baute man hier schon seit dem 15. Jahrhundert ab, so dass Pacold hier auf bestehende Strukturen aufbauen konnte. Dereinst führten von einigen der Steinbrüche kleine Eisenbahnen zu seinem Kalkofen. Von denen sieht man allerdings heute keine Spur mehr – auch schade…

Der Kalkabbau in Velká Chuchle wurde 1964 gänzlich eingestellt. Seit 1982 steht das ganze Areal unter Naturschutz. Jetzt vermischen sich die natürlichen Felsformationen mit den alten Steinbrücken zu einem malerischen Ganzen, das einen kleinen und erholsamen Ausflug in den Naturpark in hohem Maße empfehlenswert macht.

Und inmitten des Ganzen steht der Kalkofen wie eine alte Ritterburg. Ofen und Umgebung sind so stimmungsvoll, dass das natürlich auch der Filmindustrie Prags (früherer Beitrag hier) nicht verborgen geblieben ist. Etliche Filme wurden hier gedreht, etwa das Werk Streng geheime Premieren (Přísně tajné premiéry) des Regisseurs Martin Frič aus dem Jahre 1967 oder der Film Protektor von Marek Najbrt aus dem Jahr 2009.

Für Touristen von außerhalb ist das Areal immer noch ein Geheimtipp, aber die Prager wissen es zu schätzen und nutzen gerne die Gelegenheit zu einer kleinen Wanderung hier. (DD)

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