Freimaurerei mit Jesus und Barock

Dieses Haus gibt Rätsel auf. Kaum ein Wohnhaus in Vinohrady (Prag 2) kann eine so üppig ausgestattete Fassade im Stil des Barock aufweisen – dem Baustil der katholischen Gegenreformation. Erst beim näheren Hinblicken fällt dem Betrachter die kleine Stucktafel mit Symbolen der Freimaurerei auf : Winkel, Zirkel, Dreieck (Symbol für Geometrie) und Zeichenlineal – und zwar geschmacklich passend in den Neo-Barockstil des Hauses eingepasst mit einem kleinen Putten in der Mitte (großes BIld oben).

Dann schwenkt der Blick nach oben. Dort steht in einer Nische unter einem Baldachin eine Statue von Jesus Christus, was nicht ganz zu dem pantheistischen Religionsverständnis und den Aufklärungsidealen der Freimaurer passt. Zumindest ist die Kombination ungewöhnlich.

Gerade die katholische Kirche steht den Freimaurern recht ungnädig gegenüber und hat 1983 die Mitgliedschaft in einer Loge zur schweren Sünde erklärt. Und auch umgekehrt haben viele Logen oft einen prononcierten Antiklerikalismus vertreten.

Wie es daher zu diesem Ringen der Weltanschauungen auf der Fassade kam, ist mir unbekannt und ließ sich auch noch nicht herausfinden. Aber gewiss ist, dass das vierstöckige Haus an der Šmilovského 1430/2 (Ecke Koperníkova) gerade deshalb ein echter „Hingucker“ ist. Dazu trägt vor allem auch die Fassade bei, die durch riesige durchgängige ionische Pilaster geradezu wuchtig strukturiert ist.

Florale Elemente, Kartuschen und Rocaillen aus weißem Stuck schmücken Zwischenflächen und Fensterumrahmungen. Über den Kapitellen der Pilaster befindet sich ein Stuckfries, das wieder Putten zeigt, die von Freimaurersymbolen umgeben sind oder damit hantieren.

Prag war schon früh ein Ort, an dem die Freimaurerei gedieh. Ja, amn kann fast von einer Hochburg sprechen. Angeblich soll die erste Loge schon 1726 durch Franz Anton Reichsgraf von Sporck gegründet worden sein (über dessen Prager Palais wir hier berichteten), aber das ist umstritten. Aber spätestens in den 1740er Jahren ist ein reges Freimaurerleben in der Stadt zu beobachten. Die habsburgische Zwangskatholisierung nach 1620 (hier) hat die widerwilligen Tschechen stets für konfessionslose, atheistische und agnostische Tendenzen geöffnet, so dass die Stärke der Freimaurerei (die nur durch die Verbote unter Nazis und Kommunisten unterbrochen wurde) im Lande nicht weiter erstaunt. Wichtige Gründungsväter der unabhängigen Tschechoslowakei nach 1918 – etwa Milan Ratislav Stefanik und Edvard Beneš – waren Freimaurer.

Bei vielen Prager Bauten des 18.,19. und beginnenden 20. Jahrhunderts findet man Freimaurersymbole auf der Fassade.

Das Haus in Vinohrady wurde 1906/7 auf dem Gelände eines ehemaligen Gutes von dem Baumeister Antonin Polivka erbaut. Das Haus und vor allem die grandiose Fassade in ihrem vom Jugendstil angehauchten Neobarock wurde von dem Architekten Josef Pospišil entworfen, der in seiner Zeit zu den gefragtesten Architekten in Europa gehörte. (DD)


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