Klassizistischer Funktionalismus

Die Kirche der Evangelischen Gemeinde der Böhmischen Brüder (Českobratrská církev evangelická) im Stadtteil Smíchov (genauer: Na Doubkové 2040/8, Prag 5) ist ein recht moderner Bau. Das sehr nüchterne Gebäude ist eindeutig dem Funktionalismus zuzuordnen, allerdings mit der Besonderheit, dass die Proportionen und der Rhythmus der Säulen der Portikus ganz und gar den Vorgaben der klassischen/klassizistischen Architektur entsprechen.

Man wollte wohl damals die Modernität des Gebäudes harmonisch mit der Umgebung in Einklang bringen. Die Gemeinde hatte das Grundstück 1925 von der Stadtregierung in Smíchov zugewiesen bekommen. Und dies lag am Rande des Santoška-Parks, dessen Umgebung sich durch einen sehr schönen alten Häuserbestand auszeichnet.

Entworfen wurde das Kirchengebäude nach den Ideen des ehemaligen Gemeindekurators Filip Křížek, die dann von seinem Sohn, dem Architekten Jaroslav Křížek und dem Baumeister Josef Svaťák umgesetzt wurden. Die Kirche wurde 1931 eingeweiht.

Sie besticht innen wie außen durch ihre Schlichtheit, die auch dem Grundgedanken des christlichen Selbstverständnisses der Böhmischen Brüder entspricht, das sich bis in die Zeit der Hussiten zurückverfolgen lässt. Deren Symbol, der Kelch, ziert auch das Gebäude hoch über der Portikus – was man bei hussitischen und evangelischen Kirchen im Lande fast immer antrifft. Der Laienkelch bildet seit jeher den Kern des kirchlichen Ritus der reformierten Gemeinden. Unter dem vergoldeten Kelch steht auf der Portikus auf Tschechisch in großen Lettern ein Bibelzitat 1. Petrus 1.25, das auf Deutsch übersetzt lautet: „Das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit.“ (großes Bild oben)

Auch drinnen ist die Kirche ganz vom Geist des hussitisch geprägten Protestantismus in Tschechien geprägt. Im Vorraum sieht man schon beim Eintreten als erstes zwei Bronzetafeln mit den Portraits von Magister Jan Hus und dem großen Theologen und Pädagogen der Böhmischen Brüder, Jan Amos Comenius – als Glaubensstatement sozusagen.

Dann kommt man in die Kirchenhalle selbst. Schlichter kann eine Innenausstattung kaum sein. Wieder bestimmen nur strenge klassische Formen – ein mit Deckenkassetten versehenes Tunnelgewölbe – die Gestaltung. Es gibt außer dem Kelchsymbol über dem Altar kaum irgendein dekoratives Element. Alles wirkt sehr hell und klar, wenngleich ein wenig spartanisch.

Wie viele hussitisch geprägte Kirchen versteht auch diese sich eher als Gemeindehaus.Die Pfarrwohnung, Gästezimmer (imTurm!), ein Archiv und zahlreiche Tagungsräume befinden sich im hinteren Teil, Von hinten, also von der Hügelseite, wirkt sie fast wie ein Wohnhaus. Die Gemeinde dort ist übrigens die Partnergemeinde der Deutschsprachigen Evangelischen Gemeinde, die hier auch ihr Büro hat (ihre Kirche befindet sich allerdings hier),

Vor der Kirche steht übrigens auf dem Rasen ein Denkmal, das an die Frauenrechtlerin und Demokratin Milada Horáková erinnert, die 1950 nach einem stalinistischen Schauprozess für ihr mutiges Engagement für Freiheit hingerichtet wurde (früherer Beitrag hier). Die kleine Statue, die hier 2010 aufgestellt wurde, ist das Werk des Bildhauers Olbram Zoubek (siehe frühere Beiträge hier und hier). Es zeigt kein Portrait der Hingerichteten, sondern eine Trauernde vor einer Grabplatte. Milada Horáková war Mitglied der Kirchengemeinde gewesen. (DD)

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