Jugendstil in 3D

Das sieht schon ungewöhnlich aus, wie hier die skulpturalen Darstellungen von Pflanzen dreidimensional (auf Neudeutsch: 3D) aus Töpfen wachsen und dann plötzlich als Relief vollständig in die zweidimensional (also: 2D) gestaltete Fassade einfließen.

Ja, und dann kommen da natürlich noch die kleinen metallenen Drachen mit ihren putzigen geflügelten Öhrchen, die als Wasserspeier oben auf der Spitze des sehr groß dimensionierten barockisierenden Turmes herumhocken. Die übersieht man leicht (Fernglas ist angebracht!), aber sie tragen ohne Zweifel zum Reiz des Hauses bei.

Keine Frage: Das großartige Wohn- und Bürogebäude am westlichen Rand des Karlsplatzs (genauer: Karlovo náměstí 287/18) wurde mit viel Sinn für Originalität und Humor entworfen. Erbaut wurde das Haus 1907 von dem Baumeister Josef Skrbek, aber entworfen wurden die Pläne dafür von dem Architekten Josef Kovařovič, dem Prag eine ganze Reihe von schönen Jugendstilbauten verdankt.

Bei diesem besonders beeindruckenden Gebäude (dessen Fassade allerdings ein paar Eimer neue Farbe vertragen könnte) kann man schön sehen, wie der frühe Jugendstil mit seinen Asymmetrien und seinen üppigen floralen und zoomorphen Gestaltungselementen in seine schlichtere geometrische Spätform übergeht, bei der man merkt, dass sich allmählich das Zeitalter von Kubismus und Funktionalismus nähert.

Und ein wenig Prager Geschichte fand hier auch statt. Zu den ersten Bewohnern des Hauses gehörte nämlich seinerzeit die Redaktion der damals äußerst renommierten Literaturzeitschrift Zlatá Praha (Goldenes Prag), die 1864 von dem Schriftsteller Vítězslav Hálek (dessen in Sichtweite befindliches Denkmal wir schon hier vorstellten) gegründet worden war, und nach Fertigstellung des Hauses hier einzog.

Und in den Jahren von 1966 bis zu seinem Tode im Jahr 1999 lebte Václav Benda in diesem Haus. Benda war ein Intellektueller und Dissident, der sich gegen aufgrund seiner freiheitlichen und christlichen Grundhaltung die kommunistische Diktatur auflehnte und zusammen mit Václav Havel zu den Erstunterzeichnern der Charta 77 gehörte. Eine Gedenktafel mit einer Büste des Bildhauers Peter Oriešek, die am Erdgeschoss des Haus angebracht ist, erinnert an ihn. (DD)

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