Spiel mit geometrischen Formen

Die Kommunisten brüsteten sich, auch in der Architektur die Modernität und die Avantgarde zu repräsentieren. Heraus kam am Ende nur die trübselige Architektur der Plattenbauten. Man kann sich vorstellen, dass es für die Architektin Vítězslava Rothbauerová ein innerer Triumph gewesen sein muss, als sie die Chance bekam, mitten im größten und grauesten Plattenbauviertel Prags, der Südstadt bei Háje, den Kommunisten nachträglich vorzuführen, wie originell und ansprechend moderne Architektur sein kann, wenn man sie eben nicht den Kommunisten überlässt.

Die Gelegenheit bot sich durch den Bau des Komunitní centrum Matky Terezy (Gemeindezentrum Mutter Teresa), den sie im Jahre 2007 vollendete. Die Kirche und ihre von bisweilen monströs-faszinierenden Plattenhochhäusern (ein besonders groteskes Beispiel sieht man auf dem kleinen Bild links) dominierte Umgebung bieten dadurch geradezu ein zeithistorisches und ästhetisches Kontrastprogramm.

Ein Kirchenbau, der die in der Nähe befindliche und zu klein gewordene Kirches des Heiligen Franziskus aus dem Jahre 1938, wurde prinzipiell an dieser Stelle 1999 von der Stadt genehmigt. Es folgten Querelen über Baugenehmigungen und auch der ursprüngliche Plan, hier ein ökumenisches Zentrum zu errichten, wurde später fallen gelassen. Und so handelt es sich bei dem Gebäude nunmehr um eine katholische Kirche mit Gemeindezentrum. Es soll weltweit die erste Kirche gewesen sein, die nach der 2003 seliggesprochenen (und erst 2016 heiliggesprochenen) Missionarin, Armenhelferin und Nobelpreisträgerin Mutter Teresa benannt wurde.

Von einem Hügel hinter der Kirche kann man besonders erkennen, dass das Gebäude hauptsächlich aus nicht ganz konzentrischen Kreisen besteht. Diese werden durch den senkrechten Turm, schräg aufsteigende Lichtschächte und die Tatsache, dass die Kreise an einer Seite „abgeschnitten“ sind, durch gradlinige Elemente kontrastiv ergänzt. Es handelt sich um ein geschicktes Spiel mit geometrischen Formen.

Die Architektin wollte durch die Kreisform die Einheit der Menschheit symbolisieren und sorgte dafür, dass in jeder Himmelsrichtung ein Eingang ist, um die Offenheit der Kirche auszudrücken. An dem funktionalistischen Glockenturm sieht man drei Glocken, die Johannes dem Täfer, dem Heiligen Wenzel und Mutter Teresa gewidmet sind. Sie wurden 2006 von der Glockengießerin Laetitia Dytrychová gegossen.

Drinnen gibt es eine Kapelle für 70 und eine Halle für rund 400 Besucher. Tagungsräume, Büros, Sozial- und Kultureinrichtungen, eine Bibliothek, eine Tiefgarage und sogar ein kleines Café. Kurz: Alles, was man wahrscheinlich in einer eher prekären Umgebung wie dieser als Gemeindezentrum so braucht.

Und tritt man durch den Vordereingang in das Gebäude, so begrüßt den Besucher als erstes eine Büste der gealterten und leidenden, aber unermüdlich gegen die Leiden der Armen ankämpfenden Mutter Teresa. (DD)

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