Iwans Höhle in den Felsen

Es handelt sich um eine kolossale, geradezu atemberaubende Aussicht. Wenn man oben vom Gipfelkreuz hinunter auf die alte Abtei und den kleinen Wallfahrtsort schaut, dann leuchtet der Name St. Johann unter dem Felsen (Svatý Jan pod Skalou) unmittelbar ein.

Die Felsen, die die Kirche und das etwa 20 Kilometer südwestlich von Prag gelegene Dorf überragen, sind in der Tat beeindruckend. Betritt man unten die Kirche selbst, kommt der Gedanke schnell auf, dass man sie auch Johannes im, statt unter dem Felsen hätte nennen können. Das Gebäude führt nämlich tief in eine – als Kapelle verwendete – Höhle in den Felsen hinein.

Die Höhle ist nämlich der Grund, weshalb hier überhaupt eine Wallfahrtskirche erbaut wurde. In ihr soll der Heilige Iwan, ein frommer Eremit aus dem 9. Jahrhundert, dem dort Johannes der Täufer (daher der Kirchenname) erschienen war, seinem Einsiedlerdasein nachgegangen sein.

Zum ersten Male in den Chroniken erwähnt werden Kirche und gleichnamiger Ort 1037. Damals schenkte Herzog Břetislav I. von Böhmen den Besitz an die Benediktiner aus dem Kloster Ostrov. 1517 wurde das Ganze zu einer eigenständigen Abtei.

Ab dem 17. Jahrhundert erfolgte im Zuge der Gegenreformation der immer prachtvollere Ausbau des Klosters, das durch die Schönheit der Felslandschaft noch prachtvoller wirkte. 1657–1661 barockisierte der italienische Architekt Carlo Lurago die Kirche, die dann 1710 von Christoph Dientzenhofer noch einmal erweitert wurde. Das quadratische Klostergebäude selbst wurde 1726–1731 durch Kilian Ignaz Dientzenhofer errichtet.

Mit der kirchlichen Prachtentfaltung war es aber 1785 zu Ende, als Kaiser Joseph II. das Kloster im Zuge seiner Reformen enteignete und säkularisierte. Es wurde zwischendurch als Industrieanlage (Papierfabrik, Spinnerei) zweckentfrendet, dann zu Anfang des 20. Jahrhundert als Kuranlage. 1914 geriet es wieder in kirchlichen Besitz. Das blieb so bis 1949, als die Kommunisten zuerst ein Zwangsarbeitslager, dann ein Gefängnis und zuletzt eine Polizeischule daraus machten. 1994 kehrte das Gebäude in den Schoß der Kirche zurück. Dadurch wurde es, was es bis heute ist: Eine Wallfahrtskirche zu Ehren des Heiligen Iwan.

Die überwältigt nicht nur von außen, weil sie auf zwei Seiten von hohen und malerischen Felsen umgeben ist, sondern auch von innen. Im Hauptschiff kann man feinsten Barock bewundern, wobei neben 1695 entstandenen dem riesigen Altarbild über die Begegnung des Heiligen Iwan mit Johannes dem Täufer des Malers Johann Georg Heinsch vor allem die von Waldgetier umgebende Holzskulptur des Heiligen auf einem Podest mitten im Raum auffällt.

Aber die Hauptattraktion ist jedoch zweifellos die Höhlenlandschaft, die man betritt, nachdem man das Hauptschiff durchquert hat. Hier ist auch das (später in Barock gestaltete) Grab des Heiligen zu finden – obwohl sich Wissenschaftler nicht so recht sicher sind, ob er dort überhaupt liegt. Nach draußen fließt eine Quelle, aus der er getrunken haben soll, weshalb sich unzählige Pilger dort in Flaschen einen Vorrat für alle Fälle anlegen und mit nach Hause nehmen.

Das Dorf mit der Kirche liegt inmitten eines Naturschutzgebiets, das sich für herrliche Wanderungen eignet. Nur rund 20 Kilometer südöstlich des Prager Stadtzentrums gelegen, ist es ein überaus beliebter Ort für Wochenendausflüge. An einem sonnigen Sonntag kann es manchmal nur so von Touristen wimmeln. Aber auch das sollte einen nicht vom Besuch dieses wundervollen Ortes abhalten. (DD)

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