1968: Die Verteidigung der Meinungsfreiheit

IMG_5454

Man mag das eher graue und klobige Gebäude, das der Architekt Bohumil Sláma in den Jahren 1929 bis 1931 errichtete, nicht gerade schön finden, um trotzdem davor in Ehrfurcht und Hochachtung zu verweilen. Vor und in diesem Gebäude wurde am 21. August 1968 hart um den letzten Rest an Meinungsfreiheit gekämpft, der den Tschechoslowaken noch verblieben war. In der Nacht zuvor waren Truppen der Sowjetunion und ihrer Verbündeten ins Land eingefallen. Sie wollten die Liberalisierungspolitik des Prager Frühlings beenden und jedermann war klar, dass der Tschechoslowakische Rundfunk (Československý rozhlas), der in jenem Gebäude in IMG_5456der Vinohradská 1409/12 seine Zentrale hatte, von den Besatzern besonders zur Zielscheibe gemacht werden würde. Unter dem erst Monate zuvor im Zuge der Liberalisierung des Prager Frühlings eingesetzten Direktor Zdeněk Hejzlar, war der staatliche Rundfunk zu einem fruchtbaren Nährboden für die freie und offene Diskussion geworden – ein Ort, wo Dissens gegenüber der alten kommunistischen Diktatur ungehindert geäußert werden durfte.

IMG_5459Die Reformregierung, die gerade dabei war, abgesetzt zu werden, konnte nicht mehr verhindern, dass die Lage außer Kontrolle geriet. Doch die Redakteure drinnen und die Bürger draußen wollten ihr Radio nicht kampflos den Unterdrückern überlassen und ihre Meinungsfreiheit noch so lange ausüben, wie es ging. Als die Panzer am Morgen anrollten, standen ihnen tausende von Demonstranten im Wege. Einige versuchten, die Soldaten in Diskussionen zu verwickeln, was die aber wenig beeindruckte. Als die Panzer weiterfuhren wurden sie mit einem Steinhagel empfangen. Sofort wurde scharf zurückgeschossen. Einige brennende Ölfässer wurden unter die Panzer gerollt, die die Besatzungen nur mit Mühe löschen konnten.

IMG_6687Zu den ersten Todesopfern gehörte ein junger Mann, der versuchte eine tschechoslowakische Fahne auf einem Panzer zu hissen, um dann von einer Kugel getroffen zu werden. Eine unbeteiligte junge Mutter wurde in einem Nachbarhaus durch das Fenster vor den Augen ihrer Kinder von einer verirrten Kugel getroffen und getötet. Insgesamt gab es am Ende mindestens 17 Tote, derer mit einer Bronzetafel am Gebäude heute gedacht wird (Bild rechts).

Die Redakteure drinnen sendeten währenddessen ununterbrochen ihre Botschaften und Appelle gegen die Tyrannei in die Welt. Selbst als die Soldaten das ganze Gebäude besetzt hatten, machten noch einige kleine Nebensender weiter. Vor allem hatten aber einige wohlgesonnene Soldaten der tschechoslwakischen Fernmeldetruppen es geschafft, noch allerlei Radioequipment abzumontieren und an Widerstandszellen zu verteilen. Noch lange verzweifelten die Besatzer an den Aktvitäten von IMG_5458kleinen Untergrundsendern, die von immer wieder wechselnden Verstecken aus damit zum Widerstand gegen die Aggressoren aufriefen.

Erst nach der Samtenen Revolution von 1989 herrschte in den Gängen des Gebäudes des Tschechoslowakischen Rundfunks wieder der Geist der Freiheit und der Demokratie – so wie es sich übrigens die Väter des Rundfunks 1923 vorgestellt hatten. Als sich im Jahre 1993 Tschechien und die Slowakei trennten, wurde das 1968 so umkämpfte Gebäude zum Hauptsender des Tschechischen Rundfunks (Český rozhlas). Der steht immer noch für die Werte von Freiheit und Offenheit, was er auch dadurch unterstreicht, dass an der Ecke des Gebäude jedermann durch ein Fenster in ein Studio schauen kann, in dem gerade eine Sendung moderiert wird. Das nennt man Transparenz! (DD)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s