Leben am Fluss

Seit dem späten 19. Jahrhundert ist das Ufer der Moldau im Prager Innenstadtbereich mehr oder minder zu einer großen Promenade umgebaut worden. Man kann dort radfahren, gemütlich flanieren, eine touristische Fährentour unternehmen oder eines der Brauereiboote (z.B. hier) besuchen. Das lässt vergessen, dass das Ufer dereinst eine wirtschaftliche Lebensader ersten Ranges war. Hier gingen Fischer, Sandschürfer, Zöllner, Holzflößer und viele andere Menschen mit Berufen, die man hier heute nicht mehr findet, ihrem oft kargen Lebensunterhalt nach.

Nun, ganz vergessen ist das alles nicht. Dafür sorgt schon das Museum im Podskalí-Zollhaus am Výtoň (Podskalská celnice Na Výtoni) am heutigen Rašínovo nábřeží 412/30 (Rašín-Ufer). Der Uferausbau hat den alten Ortsteil Výtoň fast völlig verdrängt. Vom alten Výtoň, dem Fischer- und Flößerdorf, blieb fast nur noch das alte Zollhaus, das nunmehr als Filiale des Prager Stadtmuseums an die Zeit erinnert, in der es hier noch ganz anders zuging als heutzutage.

Výtoň war Teil des Stadtteils Podskalí, was soviel wie „unter den Felsen“ heißt, womit die Felsen des Vyšehrad gemeint sind, die den Ort überragen.
Es dominierten dort, wo das Ufer des Flusses kaum befestigt war, kleine und oft recht armselige Häuschen das Stadtbild. Das war nicht das prachtvolle Prag, das man von Burgbezirk oder dem Altstädter Ring kennt. Aber, so lernt man in dem Museum, es war auch zugleich so etwas wie ein „Kiez“ oder eine verschworene dörfliche Gemeinde. Die Bilder der „guten alten Zeit“, die man an den Wänden und den Multimediaschirmen sieht, stimmen fast schon sentimental – vor allem, wenn man die Entwicklung mitverfolgen kann, wie groß angelegte Stadtplanung zu Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhundert, dies alles zum verschwinden brachte.

In Wirklichkeit war das Leben dort aber zuvor hart und entbehrungsreich. Das Museum ist das einzig erhaltene Gebäude. Es wurde im Jahre 1561 von der Prager Neustadt als Zollhaus eingerichtet, das im Erdgeschoss ein Wirtshaus (das es immer noch gibt!) beherbergte. Das 1671 darüber angebrachte Wappen (großes Bild oben) symbolisiert des Zollrecht, das der Neustadt hier bis zum jahr 1829 zukam. Danach wurde es zum Privathaus, verfiel aber allmählich. 1927 kaufte es die Stadt, um so das letzte Stück des alten Ortes zu retten, und übergab es dem Stadtmuseum. Das organisierte schon 1946 eine erste Ausstellung über die Flößerei am Fluss. Aber erst seit 2003 gibt es die heutige Dauerausstellung, die sich mit dem Leben im alten Podskalí beschäftigt.

Die Flößer stehen dabei im Mittelpunkt. Seit dem 14. Jahrhundert hatte Podskalí das Monopol über den Holzhandel auf dem Fluss zugestanden bekommen. Das Geschäft mit den zum Floß zusammengebundenen Baumstämmen, die am Zielort verkauft und sogar zum Personentransport verwendet wurden, florierte. Das Manövrieren solcher Flöße (Bild eines Modells rechts) war eine wagemutige Angelegenheit und nicht einfach, wie man es in dem didaktisch und technisch hervorragend ausgestatteten Museum nachvollziehen kann, wenn man sich auf den im Foyer befindlichen computerisierten Simulator begibt – was das Museum übrigens auch kindergeeignet macht. Bis in die frühen 1960 gab es noch einige wenige Flößer.

Aber es gab auch andere Berufe, die vom Fluss lebten. Es wurde Sand geschürft und Fischerei betrieben. Im Laufe des 19. Jahrhundert entwickelte sich eine rege Dampfschifffahrt, die teilweise den Transport durch Flöße ersetzte. Der Aufstieg der Dampfschifffahrt hatte auch viel damit zu tun, das der Flusslauf immer mehr durch Kaimauern, Schleusen und andere Sicherungsmaßnahmen gebändigt wurde. Alles das wird liebevoll mit Schiffsmodellen und tschechisch/englischen Schautafeln dargestellt.

Wichtig ist auch der Aspekt des Soziallebens. Den durchaus bisweilen ärmlichen Verhältnissen und dem Mangel an sozialer Sicherung (etwa auch bei Unfällen, die häufig geschahen) trat man ab 1871 mit einem Selbsthilfeverein namens Vltavan (Moldaumann) entgegen. Den Verein gibt es noch heute. Nur in den Zeiten des Kommunismus war seine Tätigkeit beschränkt. Der Verein hat auch heute noch seinen Sitz im Zollhaus (das er sich mitdem Museum teilt) und man trägt als Mitglied bei öffentlchen Anlässen immer noch die Originalkluft, die 1871 den Uniformen der französischen Handelsmarine nachempfunden wurde – ein schönes Dokument dafür, dass das Erbe des damaligen Lebens am Fluss noch nicht ganz erloschen ist. (DD).


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