Ministerium mit Skulpturenvielfalt

Im Norden der Altstadt, ganz nahe am Moldauufer überragt das Gebäude des Ministeriums für Industrie und Handel (Ministerstvo průmyslu a obchodu) das gesamte Umfeld. Das Ministerium hat sich zweifellos einen Prachtbau gegönnt.

Die Bauarbeiten dafür wurden 1928 begonnen und der Bau war so aufwendig, dass man das für 1931 geplante Datum der Einweihung nicht einhielt, sondern erst 1934 damit fertig wurde. Das kümmert heute niemanden mehr, denn die Schönheit blieb. Hatte die Erste Republik bei ihren Repräsentationsbauten normalerweise einen Hang zum Modernismus, so wirkt das Gebäude, das der Architekt Josef Fanta, der vorher schon den Hauptbahnhof gestaltet hatte (früherer Beitrag hier), auf den ersten Blick eher konservativ. Im Kern handelt es sich um einen Neorenaissancebau, wie er Ende des 19. Jahrhunderts in Prag en vogue war, und man entdeckt erst beim näheren Hinsehen modernere Architekturelemente, etwa bei Fenstern im Erdgeschoss.

Aber dann schweift der Blick nach oben. über den noch konventionell mit Statuen beschmückten Mittelrisalit befindet sich die kuppelförmige Dachlaterne. Die hat Fanta stilistisch gut eingepasst, aber sie ist natürlich eine (nach damaligen Verständnis) hochmoderne Glas- und Stahlkonstruktion. Nachts wird sie innen beleuchtet und entfaltet – wie man auf dem großen Bild oben sieht – dann so richtig ihre optische Wirkung.

Die Grundform des Gebäude mit der Laterne war eigentlich gar keine so avantgardistische Idee mehr, denn Fanta hatte sich stark an den Entwurf
der berühmten Produktausstellungshalle im japanischen Hiroshima orientiert. Dieses Gebäude wurde 1915 von dem böhmischen Architekten Jan Letzel (früher Beitrag hier) erbaut. Heute nennt man es auch bisweilen die „Atombombenkuppel“, weil es das einzige Innenstadtgebäude war, das den Atombombenabwurf von 1945 strukturell überlebte, und heute eine Gedenkstätte ist. In gewisser Weise ist das Ministerium ein Abbild des japanisch-böhmischen Bauwerks in Hiroshima.

Wie dem auch sei: Auch bei der skulpturalen Ausgestaltung des Ministeriums ließ man sich nicht lumpen. Es sollen sich rund 120 Statuen am Gebäude befinden, die für ein äußerst dekoratives Erscheiningungsbild sorgen. Unzählige Bildhauer waren dabei am Werke, die bekanntesten von ihnen waren wohl Josef A. Paukert und Čeněk Vosmík.

Und man kann tatsächlich beträchtliche Stilunterschiede bei den Statuen bemerken. Eigentlich müsste man sich für die Skulpturen schon alleine ordentlich Zeit nehmen, wenn man sich das Ministerium genauer anschaut. Neben etwas süßlich daherkommenden Kinderfiguren oder Putten in Neobarock, die verspielt an kleinen Industrieanlagen hantieren, steht die streng klassizistisch konzipierte Weisheitsgöttin Athene, der wiederum jede Süßlichkeit (aber auch der Humor, der möglicherweise bei den Putten im Spiel war) fehlt. Und so entdeckt man immer wieder neue Dinge. Die meisten Skulpturen haben irgendeine thematische Nähe zu den Themen Industrie oder Handel, wie man es ja auch erwarten kann. Dazu gehört auf der Götterbote Hermes/Merkur am nördlichen Flügelder Vorderfront, der ja bekanntlich der griechische Gott der Händler und Diebe war.

2002 kam die große Moldaufllut, und weil das Ministerium so nahe am Fluss liegt, war es natürlich auch betroffen. Es gelang eine planvolle Evakuierung der Beamten, die sogar ohne großen Unterbruch in anderen Ministerien gemäß wohlorganisiertem Notfallplan weiterarbeiten konnten. Alle oberen Bauteile waren gut geschützt und blieben unbeschädigt, aber in den Keller brach das Wasser mit Wucht ein. Die Schadensbeseitigung dauerte zwei Jahre und es wurden zusätzliche Schutzmaßnahmen gegen künftige Hochwasser hinzugefügt. Hoffen wir, dass sie niemals benötigt werden. (DD)

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