Fassadismus?

Wer im inneren Teil Prags baut und dabei notgedrungen etwas tiefer gräbt, muss bei einer solchen Stadt damit rechnen, dass er schnell auf Reste alter Bausubstanz stößt, die möglicherweise von kulturellem Wert ist. Wie geht man damit um? Ein lehrreiches Beispiel dafür ist das Palladium am Platz der Republik (náměstí Republiky) 1078/1 in der Neustadt.

Das Palladium ist ein großes Einkaufszentrum, das 2007 eröffnet wurde. Es gibt dort 170 Läden, 30 Restaurants und eine Tiefgarage mit 900 Parkstellplätzen. Drinnen sieht es aus, wie es moderne Einkaufszentren halt so in der Regel tun. Auf den ersten Blick unterscheidet es sich kaum von derartigen Einrichtungen in anderen Metropolen rundum den Globus: Großes Atrium, viel Beton und Glas, viel Neon. Auch das Angebot an Waren und Speisen ist international. Soweit so gut – das dachte sich auch die Armee 1993, der das Gelände zuvor gehört hatte, und die es loswerden wollte. Als der Kaufvertrag an einen Investor abgeschlossen wurde, hatte man jedoch die Behörde für Denkmalschutz nicht vorher konsultiert. Das Kulturministerium stellte 1999 – bevor Bauarbeiten beginnen konnten – deshalb sicherheitshalber das ganze Areal erst einmal unter Denkmalschutz und ließ Gutachten erstellen.

Womit man bei der historischen Vorgeschichte des Gebäudes angelangt ist. Für das Jahr 1350 ist überliefert, dass ein reicher Bürger namens Jan Jakub hier ein Armenhospital spendete, das von der Kirche betreut wurde. Dieses gotische Gebäude stand auf den nicht mehr erhaltenen Resten kleinerer romanischer Gebäude. Zu Anfang des 15. Jahrhunderts verwüsteten die Hussitenkriege das Hospital und es wurden nun einige Bürgerhäuser auf dem Gebiet gebaut, die um 1630 einem neuen Kapuzinerkloster wichen. Zu dem Kloster gehörte die heute noch bestehende Kirche des Heiligen Josef  (Kostel sv. Josefa) – früherer Beitrag hier.

Das Klosterleben währte bis zur Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II. im Jahre 1785. Das Militär sollte nach dem Willen der Monarchie nun das Areal übernehmen, was formell 1800 durch die Kasernierung von Soldaten im ehemaligen Kloster geschah. 1843/44 wurden neue Kasernengebäude hinzugefügt. Und 1857 beschloss die Armee, den größten Teil des alten Klosterbaus abzureißen, um eine neue und eindrucksvoll aussehene Großkaserne zu errichten. Die wurde 1861 fertiggestellt und war das Werk der Architekten Achille Wolf und dem Baumeister K. Pichal, die das große Hauptgebäude in einem dekorativen Neo-Tudorstil (englische Neorenaissance) gestalteten. Der prägt auch immer noch das Äußere des Gebäudes von der Platzseite aus gesehen. Die Soldaten von damals würden heute das Ganze von außen wiedererkennen. Blitzblank ist die alte Fassade mit ihren kleinen Zinnen- und Turmaufbauten. Als Josefskaserne diente die Kaserne nun der Habsburgerarmee und ab 1918 dann der Tschechoslowakischen Armee und ab 1993 der Tschechischen Armee unter dem Namen Georg von Podiebrad (Jiří z Poděbrad)-Kaserne als Unterbringungsort für in der Stadt stationierte Soldaten.

Nur hinter der Fassade sieht es eben ganz modern nach Einkaufszentrum aus. Das war der Kompromiss, auf den man nach einer Begutachtung durch den renommierten Architekturhistoriker Zdeněk Lukeš kam, der dem Inneren der alten Kaserne keinen größeren kulturellen Wert zugestand, aber eben die Fassade im Kontext des architektonischen Umfelds des Platzes für schützenswert hielt. Dagegen gab es auch Proteste und Einsprüche, aber nach etlichen Modifikationen bei den Plänen wurde 2000 die Baugenehmigung erteilt. Kritiker gibt es immer noch. Sie sprechen von bloßem „Fassadismus“, der im Interesse des Investors echten Denkmalschutz ersetzt habe.

Natürlich fand man beim Bau des tief in die Ebene der Metro (von der aus man Zugang zum Einkaufszentrum hat) eindringenden Gebäudes auch Reste des alten Hospitals und von Teilen des später abgerissenen Klosters. Für sie wurde noch ein kleines „Sonderprogramm“ in Sachen Denkmalschutz organisiert. Die Mauerreste wurden freigelegt und restauriert/stabilisiert und sind jetzt für den Kunden sichtbar erhalten. Bei einem der Cafés im Gebäude hat man noch mit kleinen Stahlgitterkonstruktionen die Gebäudestruktur über den Mauerresten nachempfunden.

Das alte Hospital oder die verlorenen Klosterbauten kann das alles nicht ersetzen. Aber immerhin kann sich der kulturhistorisch Interessierte auch beim Einkaufen ein wenig bilden, wobei die Betreiber des Einkaufzentrums vielleicht ein doch ein bisschen Geld investieren sollten, um Infotafeln zur Geschichte der alten Gebäudereste aus dem Mittelalter anzubringen. Wie die Nachwelt darüber urteilen wird, weiß man nicht. Städte haben sich immer schon weiterentwickelt und das Spannungsfeld von Denkmalschutz und Innovation lässt sich nie mit einer einfachen Formel lösen. (DD)

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