Der Fensterstürzer

Am 30. Juli 1419 – also vor genau 600 Jahren – stürmten fanatische Hussiten das Rathaus und warfen katholische Ratsherren aus dem Fenster. Wer unten den Sturz überlebte, wurde von der Menge erschlagen. Der berühmte Erste Prager Fenstersturz war der Auftakt zu den Hussitenkriegen, die bis 1436 tobten und unendliches Leid über Böhmen brachten.

Man konnte den Ärger der Hussiten ein wenig verstehen. Sie folgten den zunächst friedlichen kirchlichen Reformbestrebungen und reformatorischen Ideen des Predigers Jan Hus, der 1415 trotz eines kaiserlichen Ehrenworts auf freies Geleit auf dem Konzil von Konstanz als Ketzer verbrannt worden war – ein glatter Justizmord. Seine Anhänger waren als Ketzer gebrandmarkt und bedroht. Sie mussten sich wehren. Ihre Aktion sollte eigentlich nur der Befreiung inhaftierter Glaubensgenossen dienen.

Dass trotzdem über dem Fenstersturz ein moralischer Schatten liegt, hat auch etwas mit dem Initiator zu tun, dem zum Radikalhussiten konvertierten ehemaligen Mönch Jan Želivský. Der war Prediger an der Kirche St. Maria Schnee, von der auch der Zug zum Neustädter Rathaus (kleines Bild rechts) startete. Nach dem Ereignis riss Želivský die Macht in der Stadt an sich und begann mit der Verfolgung aller derjenigen, die nicht exakt seinen Glaubensvorstellungen gemäß lebten – es kam zu brutalen Säuberungen innerhalb der Hussiten. Obwohl nicht sonderlich dafür ausgebildet, versuchte er sich auch als Heerführer und handelte sich gleich bei der Schlacht bei Brüx 1421 eine der wenigen schweren Niederlagen der ansonsten sehr kriegstüchtigen Hussiten im Kampf gegen die katholischen Invasoren ein. Gemäßigte Hussiten putschten gegen ihn und 1422 wurde er hingerichtet. Seine Schreckensherrschaft war beendet.

Die Hussiten nehmen bekanntlich einen hohen Ehrenplatz im historischen Gemütsbewusstsein aller Tschechen – gleich welcher politischen Couleur – ein. Jan Hus oder auch der große Feldherr Jan Žižka sind immer noch populäre Figuren. Bei Želivský ist man sich nicht so ganz sicher. Gefeiert wurde er vor allem unter dem Kommunismus. Seine ideologische Engstirnigkeit und die innerparteilichen Säuberungen gefielen den Kommunisten naturgemäß. Man benannte eine Metrostation nach ihm (siehe Beitrag hier) und brachte im Jahre 1960 die oben abgebildetet Büste am Rathaus an. Die ist ein Werk der Bildhauerin Jaroslava Lukešová. Die, das muss an dieser Stelle gesagt werden, war keine linientreue Kommunistin und musste später Nachteile hinnehmen, als sie gegen die Niederschlagung des Prager Frühlings 1968 protestierte. Die immer noch unter der Büste angebrachte Tafel mit ihrer Inschrift war daher mit Sicherheit von oben angeordnet und entsprechend ideologisch recht eindeutig:

„Der Sprecher des radikalen Flügels der hussitischen Bevölkerung von Prag, Jan Želivský, der revolutionäre Prediger in der Kirche St. Maria Schnee und der Kämpfer für soziale Gerechtigkeit, wurde am 9. März 1422 im Hof ​​des Alten Rathauses hingerichtet. Er fiel, weil er der bürgerlichen Reaktion im Weg stand. “

Mit der „bürgerlichen Reaktion“ waren die gemäßigten Hussiten (Utraquisten) gemeint, die in der Altstadt ihre Hochburg hatten, während die Radikalen (Taboriten) lange die Neustadt dominierten. Die Altstädter waren sehr erpicht, den radikalen Neustädter loszuwerden und ließen sich das Spektakel seiner Hinrichtung nicht nehmen. Damit hat man auch die Erklärung, warum die Büste am links abgebildeten Altstädter Rathaus (vor dem die meisten großen Hinrichtungen im alten Prag stattfanden) angebracht wurde, und nicht am Neustädter Rathaus, wo er seine bekannteste Tat ausgeübt hatte, den Ersten Prager Fenstersturz. (DD)


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