Betonbriefmarke vor Biedermeierhaus

Diese putzige Briefmarke ist 1.50 Meter hoch und wurde 1978 von dem Bildhauer Ivan Jilemnický aus Beton gegossen. Auf einen Brief hat man sie selbstredend nie geklebt (die Postboten hätten ob des Gewichtes gestreikt!), aber dafür hat sie einen Ehrenplatz bekommen – genau vor dem Postmuseum (Poštovní muzeum) in der Nové Mlýny 1239/2 in Prag 1. Und da passt sie hin.

Das Postmuseum gibt es, seit es die Tschechoslowakei gab, nämlich seit dem Jahr 1918. Kern der Dauerausstellung ist die philatelistische Sammlung. Sie umfasst Originale aus aller Welt, Entwürfe, Fälschungen, Raritäten und den gesamten jemals herausgegebenen Bestand der Briefmarken der tschechoslowakischen bzw. seit 1993 der tschechischen Post.

Die Menge der ausgestellten Briefmarken, die in Ausziehregalen zum Anschauen aufbewahrt sind, ist schier unendlich. Wollte man sich alles angucken, würde das Wochen dauern. Aber auch die stichprobenartige und oberflächliche Besichtigung der Sammlung ist schon spannend und lehrreich genug. Briefmarken sind bekanntlich schon immer weitaus mehr gewesen als bloße Wertzeichen für den Transport von Paketen, Briefen oder oder auch Postkarten, sondern staatliche, kulturelle und politische Symbole ersten Ranges.

Zum einen lernt man durch Briefmarken auch viel über die Geschichte eines Landes. Man erahnt die Wirrnisse der Zeit als sich die Republik in der Endphase des Ersten Weltkriegs formierte, wenn man die ersten Marken sieht. Dem jungen Staat fehlte es in der Eile an den Möglichkeiten, Briefmarken als eines Hoheitssymbole zu drucken. Man musste sich helfen, indem man die Marken des Habsburgerreichs, von dem man sich gerade getrennt hatte, mit Stempelaufdrucken (quer über das Anlitz des alten Kaisers oder – siehe kleines Bild links – den k.u.k. Doppeladler) zu versehen, die klarmachten, dass dies nunmehr tschechoslowakische Marken seien.

Obwohl viele der Marken Sehenswürdigkeiten oder harmlose künstlerische Motive zeigen, kommt halt eben immer doch die große Politik zum Vorschein, ob es nun die Ersetzung des Schriftzugs „Tschechoslowakische Republik“ durch „Böhmen und Mähren“ unter den Nazis oder die permanent betriebene Verewigung von Lenin unter den Kommunisten geht. Aber nicht nur der politische Aspekt ist interessant.

Denn, zum anderen ist die Briefmarke (zumindest in hiesigen Gefilden) auch ein Spiegel der Kunstgeschichte. Kaum ein großer Künstler des Landes ließ es sich nehmen, sich auf auf den kleinen Portoaufkleberchen zu verewigen. Der Jugenstilmaler Alfons Mucha (früherer Beitrag hier), der Kubist Josef Čapek (hier) oder der Funktionalist František Hudeček (hier) sind nur einige Beispiele, die in der Ausstellung im ersten Stock durch Aufstelltafeln (in Tschechisch und Englisch) erläutert und erklärt werden. Man ist erstaunt über den künstlerischen Wert der hiesigen Briefmarke!

Eine Bibliothek mit Briefmarkenkatalogen, alte Photos und Amtsschilder, sowie allerlei postbezogene kunsthandwerkliche Produkte wie Preistrophäen runden das Museum ab und man verlässt auch als normalerweise nicht so sehr an Philatelie interessierter Mensch das Gebäude zutiefst beeindruckt – mit dem Vorsatz, irgendwann sich mehr Zeit für einen neuerlichen Besuch zu nehmen.

Wo wir beim Gebäude selbst sind: Das wäre schon für sich genommen eine Besichtigung wert. Ein wenig denkt man sich sogar am Ende, dass die sehr interessanten Aufstelltafeln des Museums manchmal den Blick auf die gesamte Raumgestaltung mindern. Schon im 14. Jahrhundert stand hier am Ufer der Moldau ein Gebäude, das einem Fischer gehörte. Beim Großen Feuer von 1689 brannte es ab und wurde als Mühle neu aufgebaut. Den barocken Kern des Gebäudes aus dieser Zeit erkennt man noch recht deutlich.

Im Jahre 1834 baute der sehr reiche Müller Václav Michalovic das Gebäude im damals modernen Stil des Biedermeier-Klassizismus um. 1847 ließ er sich von dem renommierten Dekorateur und Landschaftsmaler Josef
Navrátil
Wandmalereien mit pittoresken Landschaften malen. Der Maler kombinierte hier Biedermeierromantik mit Stilelementen des Rokoko, und zwar sehr stimmig und originell. Wie gesagt: Das sollte man über die Briefmarken nicht vergessen. Dazu passende Kachelöfen runden das Bild eines der entzückendsten Biedermeier-Häuser in ganz Prag ab.

Das Postmuseum ist in diesem Haus erst seit 1988 ansässig. In diesem Jahr fand in Prag eine Weltausstellung für Briefmarken statt. Vorher lag das Museum etwas außerhalb der Stadt. 2002 wurde es beim großen Moldauhochwasser beschädigt, aber es gelang die Sammlung zu retten und das Museum schon im nächsten Jahr wiederzueröffnen. (DD)

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