Kirche-Kornkammer-Kirche

Um das Jahr 993 wurde sie das erste Mal in einer Chronik erwähnt und sie ist wohl die zweitälteste Kirche überhaupt auf der rechten Uferseite der Moldau: die St.-Clemens-Kirche (Kostel svatého Klimenta). Sie liegt in einer verwinkelten Nebenstraße, der Klimentská, in der Neustadt. Der idyllische und ruhige kleine Platz, auf dem sie sich befindet, ist von hübschen alten Häusern umgeben – bis auf ein modernes Wohnhaus, in dessen Fensterfront sich die Kirche beeindruckend spiegelt, wie man auf dem großen Bild sehen kann.

Die ursprüngliche Kirche, die da in den Chroniken erwähnt wurde, existiert schon seit dem 12. Jahrhundert nicht mehr, denn in dieser Zeit wurde auf der Stelle ein neuer Bau im romanischen Stil errichtet. Zunächst als Pfarrkirche gedacht, wurde sie schon 1225 dem Domnikanerorden als Klosterkirche zugeschlagen, die mit der Vergrößerung der Kirche anfingen. Die Dominikaner zogen allerdings schon nach sieben Jahren wieder aus und residierten fortan in der Altstadt im Klementinum. Und St. Clemens wurde wieder Gemeindekirche.

Anfang des 15. Jahrhunderts – es war die Zeit der Hussitenkriege – wurde die Kirche nunmehr massiv gotisiert. Reparaturarbeiten waren sowieso notwendig, da die Kirche im Verlauf der Auseinandersetzungen schwer beschädigt worden war. In der Kirche hatte mit Jan Protiva einer der konservativ-katholischen Hauptgegner und Ankläger von Jan Hus seine Predigten gehalten, weshalb sein Gotteshaus Stein des Anstoßes unter den Hussiten wurde.

Nach den Kriegen wurde die Kirche das Gotteshaus gemäßigter Hussiten, der sogenannten Utraquisten, und blieb es bis zum Sieg der katholischen Habsburger im Jahre 1620. Gotische Wandmalereien aus der Utraquistenzeit wurden in den 1970er Jahren gefunden und restauriert. An diese hussitische Periode erinnert heute eine Plakette, die 1915 zum 500. Jahrestag der Verbrennung von Jan Hus angebracht wurde, und die als Aufschrift ein Zitat des Reformators trägt: „Finde die Wahrheit, höre die Wahrheit, lerne die Wahrheit, liebe die Wahrheit, sage die Wahrheit, halte die Wahrheit, halte die Wahrheit bis zum Tod.“ Die Plakette ist das Werk des Bildhauers J. Vladimír Astl.

Viel änderte sich an der Kirche nicht. Sie war nunmehr eine katholische Pfarrkirche. 1784 fiel sie jedoch dem Kirchenkampf Kaiser Josephs II. zum Opfer und wurde zwangssäkularisiert. 1793 wurde sie deshalb sogar zur Kornkammer eines Müller herabdegradiert. Diese recht profane Funktion, die das Gebäude jetzt innehatte, ging an die bauliche und künstlerische Substanz. Als die Kirche 1850 von einer evangelischen Gemeinde gekauft wurde, war sie in hohem Maße reparatur- und renovierungsbedürftig.

Das im Kern echt gotische Gebäude wurde nunmehr neogotisch aufbereitet. Das taten ab 1877 die Architekten František Mikš und Josef Blecha – beide ausgewiesene Neogotik-Spezialisten. Insbesondere durch die 1893 erfolgte Erhöhung des Schiffes und die damit verbundene Anbringung von Seitenstützen entspricht das Ergebnis nunmehr noch mehr unseren Vorstellungen von Gotik als es der Originalbau je getan hätte.

Im Innenraum hat die lange Nutzung als Kornlager naturgmäß besonders große Schäden hinterlassen. Von der Originaleinrichtung blieb nur wenig übrig. Deshalb wirkt sie von innen recht streng und zurückhaltend, was aber dazu passt, dass sie seit 1918 keine katholische, sondern eine protestantische Kirche ist. Durch die Zurückhaltung bei der Neugestaltung kommt sowohl die architektonische Struktur des gotischen Rippengewölbes als auch die Pracht der dann doch hinzugefügten neogotischen Kanzel voll zu Geltung.

Und immerhin hat man, wie gesagt, bei der Restaurierung unter dem Putz noch einige Fragmente der originalen spätgotischen Wandmalereien des 15. Jahrhunderts gefunden und, so gut es ging, wieder freigelegt. Sie befinden sich in der Apsis und zeigen verschiedene biblische Szenen. Sie sind für eine simple Gemeindekirche dieser Größe ausgesprochen kunstvoll gemalt.

Heute ist St.-Clemens übrigens das Gotteshaus der (englischen) anglikanischen Kirche in der Tschechischen Republik. (DD)

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