Kloster, Zuckerfabrik, Schloss

Über dem träge dahinfließenden und kurz darauf in die Moldau einmündenden Lipanský-Bach sieht man das malerisch gelegene Schloss Zbraslav. Wir befinden uns ganz im Süden Prags.

Das Barockschloss sieht aus, als ob es nie etwas anderes gewesen sei. Tatsächlich handelte es sich aber ursprünglich um ein Zisterzienserkloster, das 1292 durch König Wenzel II. gegründet worden war. Das war nicht irgendein Kloster, sondern die Grablege für viele Herrscher des über viele Jahrhunderte Böhmen beherrschenden Geschlechts der Přemysliden und deren Ehefrauen.

Die fanden in dem spätromanischen Bau nur bedingt ihre letzte Ruhe, denn 1420 verwüsteten radikale Hussiten das Kloster und verstreuten die Knochen auf dem Gelände. Nach dem Ende der Hussitenkriege wurden die Knochen wieder eingesammelt und neu beerdigt. 1611 verwüsteten die Truppen des Bischofs von Passau das Kloster und 1639 im Dreissigjährigen Krieg die Schweden.

Im Jahr darauf begann man auf dem Gelände mit dem Bau der Stiftskirche zum Heiligen Jakob d.Ä. (Kostel svatého Jakuba Většího), wo die Gebeine (oder was davon übrig blieb) nach einer abermaligen Umbettung seit 1991 im Boden des Presbyteriums begraben sind. Vorher, d.h. 1973, untersuchten Forscher die Knochen und konnten teilweise ihre Echtheit verifizieren. Die Kirche selbst (Bild rechts) ist übrigens der erste Teil des Schlosses, der im frühbarocken Stil erbaut wurde. Aber damit ging es dann rapide weiter.

Im frühen 18. Jahrhundert tat man das, was man damals meistens mit alten Sakralbauten tat: Man baute das Kloster vollständig im Stil des Hochbarocks prachtvoll um. Die Architekten Johann Blasius Santini-Aichl und Franz Maximilian Kaňka gaben ihm im wesentlichen seine heutige Gestalt. Die Bauarbeiten wurde 1732 fertiggestellt. Das fröhlich-barocke Klosterleben neigte sich jedoch schon bald seinem Ende zu. Denn: 1785 kam die große Klosterenteignung unter Kaiser Joseph II., von der auch Zbraslav nicht verschont blieb.

Eine Zuckerfabrik im Besitz des Fürsten Oettingen-Wallerstein entstand in den Gebäuden, was einige nicht ganz sachgemäße bauliche Veränderungen mit sich brachte. Die Zuckerproduktion wurde 1875 eingestellt und 1910 kaufte das Gebäude der Textilfabrikant Cyril Bartoň-Dobenín, der es in den Jahren 1911 bis 1925 unter behutsamer Wahrung seines barocken Charakters zu dem umbaute, was es heute ist: Ein Schloss.

Die Kommunisten enteigneten 1948 die Familie Bartoň-Dobenín und übereigneten das Gebäude der Prager Nationalgalerie, die hier zunächst ein Museum für Bildhauerei, später die Sammlung asiatischer Kunst unterbrachten. Letztere blieb hier bis 2009, obwohl inzwischen die Familie das Schloss restituiert bekommen hatte. Jetzt ist es in Privatbesitz und man kann es innen nicht besichtigen. Aber die Familie erlaubt das Betreten des Außengeländes mit seinem schönen Innenhof. Und man sieht Sehenswertes, darunter auch zahlreiche Skulpturen aus der Barockzeit.

Eine Skulptur fällt aus der Reihe, weil sie einem irgendwie so bekannt vorkommt. Es ist eine Reiterstatue des Heiligen Wenzel, die zwar deutlich kleiner ist als die berühmte Statue auf dem Wenzelsplatz (früherer Beitrag hier), aber ihr doch recht ähnlich sieht. Das ist kein Zufall, denn wahrscheinlich handelt es um einen Vorentwurf des 1912 aufgestellten Reiterstandbilds auf dem Wenzelsplatz, angefertigt von dem Bildhauer Josef Václav Myslbek. Als solchen erwarb die Nationalgalerie jedenfalls 1923 die kleinere Fassung und stellte sie später in Zbraslav auf (wo ja eine zeitlang ein Bildhauereimuseum residierte). Nach der Reprivatisierung des des Schlosses ließen die Besitzer es erst abtragen, aber seit 2016 steht die kleine Version des großen Wenzelsdenkmals wieder hier im Schlosspark von Zbraslav. (DD)

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