Der Beginn der Finsternis

27-1621

Kaum einer der vielen Touristen bemerkt die 27 weißen Kreuze im Pflaster vor der Nordseite des Altstädter Rathauses. Wüssten sie, wofür diese Kreuze stehen, jagte es ihnen den Schauer den Rücken hinunter. Denn am 21. Juni 1621 (heute vor 398 Jahren) IMG_4735fand hier ein grausiges Spektakel statt, das den Pragern bis heute in den Knochen steckt. Vier ganze Stunden – von fünf bis neun Uhr morgens – verbrachte der Scharfrichter Jan Mydlář damit,  27 Menschen auf dem Schaffott zu Tode zu bringen. Es ging dabei ganz nach der ständischen Rangfolge. Die höchstrangigen Adligen wurden als erste und schnell durch Enthauptung hingerichtet. Wer niedrigen Ranges war, wurde vor seinem Tode noch gequält und langsam am Galgen erwürgt. Dem Rektor der Karlsuniversität, Jan Jessenius, wurde vor seinem Tod noch die Zunge herausgerissen. Nach seinem qualvollen Tod ließ man seinen Leichnam noch einmal vierteilen. Die Köpfe der Hingerichteten wurden zur Abschreckung am Altstädter Turm aufgespießt und zur Schau gestellt. Erst die 1631  im X27bZuge des wechselnden Schlachtenglücks im Dreissigjährigen Krieg einmarschierende sächsische Armee entfernte diese grausigen Zeugnisse des habsburgischen Terrors.

Am Ende waren es drei Hochadlige, sieben Ritter und 17 Bürger, die hingerichtet worden waren. Mögen in diesen Zeiten Hinrichtungen oft ein Vergnügungsspektakel gewesen sein, für die meisten Prager (und Böhmen) war diese Hinrichtung jedoch Vorbotin noch größeren Schreckens. Nicht nur, dass es skandalös erschien, dass so hochrangige und allgemein in hohem Ansehen stehende Herrschaften den öffentlichen Henkerstod erleiden mussten, nein, es war vor allem jedem klar, der das Blutbad oben auf dem Gerüst sah, dass nun für lange Zeit Böhmens Freiheit endgültig verloren war.

Weshalb war es dazu gekommen? Die Hingerichteten waren die führenden Vertreter des Böhmischen Ständeaufstandes von 1618. Mit diesem Aufstand wollten die Repräsentanten Böhmens die Freiheit des Landes vor den absolutistischen Bestrebungen des Habsburgers Ferdinand II. schützen und dessen Übernahme der böhmischen Krone verhindern. Zugleich wollten sie das hohe Maß an religiöser Toleranz und die Rechte der protestantischen und hussitischen Mehrheit im Lande schützen, die zurecht eine radikale Rekatholisierungspolitik durch den neuen Herrscher fürchteten, denn Ferdinand hatte klar gemacht, dass er sich an frühere Gesetze und Abmachungen, die die religiösen Freiheiten garantierten, nicht halten würde. Der Aufstand wurde zum Auslöser des Dreissigjährigen Krieges. Mit der Schlacht am Weißen Berg im Jahre 1620 vor den Toren Prags (wir berichteten hier) war die Sache der Stände und der Religionsfreiheit jedoch leider schnell verloren. Das Land wurde seiner Freiheit beraubt, ein einst stolzes Königreich wurde zur bloßen Provinz des Habsburgerreiches und brutal zwangskatholisiert.

X27aÜber Jahrhunderte war es quasi unmöglich, diesem für die Nationalseele traumatischen Ereignis gebührend zu denken. Das 1915 in Sichtweite der Hinrichtungsstätte der 27 Rebellen errichtete Denkmal eines anderen Märtyrers der Tschechen, Jan Hus, war ein erster Akt denkmalspolitischen Aufbegehrens (siehe hier). Erst nach der Unabhängigkeit der Tschechoslowakei im Jahre 1918 wurden dann die 27 Kreuze zum Gedenken in das Pflaster eingelassen. Direkt daneben hängt an der Wand des Rathauses auch noch eine große bronzene Gedenktafel, die alle 27 Opfer des Schreckenstat auflistet – als Märtyrer, wie es dort heißt, eines freien Königreiches Böhmen.

Die Ära, die die Hinrichtungen einläuteten, wurde von den tschechischen nationalistischen Historikern späterer Zeiten (etwa Alois Jirásek; siehe früheren Beitrag hier) zur Epoche des Temno – der Finsternis – erklärt, die den Urgrund für alle tschechischen Unabhängigkeitsbestrebungen gelegt habe. Das tschechische Nationalbewusstsein wird bis heute davon geprägt. (DD)

IMG_9950Nachtrag (Abend des selben Tages): Den Tschechen bedeutet dieses Datum tatsächlich sehr viel. Als wir heute abend zufällig an der Stelle der Hinrichtung vorbei kamen, fand dort eine kurze (Spontan-?) Demo statt. Eine Gruppe, deren Mitglieder je eine Namenstafel von einem der Hingerichteten vor sich trugen, stellten sich bei den 27 Kreuzen auf und sangen die tschechische Nationalhymne. Das schienen sie mit der Forderung zu verbinden, das an der Stelle ein richtiges Denkmal errichtet werden sollte.

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