Leopoldine in Edelstahl

Es wäre kein Haus, das dem zufällig vorbeikommenden Passanten irgendwie besonders auffallen würde – wäre da nicht diese ungewöhnliche, leicht asymmetrische stählerne Portikus im klassizistisch angehauchten Art Deco-Stil.

Den gab es da wohl anfangs nicht, denn als das Haus 1873 als eines der ersten in Vinohrady (Prag 2) gebaut wurde, war das Gebäude in der Anglická 391/17 (Ecke Balbínova) ein konventionelles Mietshaus im Neorenaissancestil und beherbergte lange Zeit im Erdgeschoss ein Café. 1911 wurde es umgebaut. Wahrscheinlich war es Jaroslav Mayer, ein Schüler des berühmten Wegbereiters der modernen Architektur, Jan Kotěra, der die heute noch erkennbare Spätjugendstilfassade entwarf, deren geometrische Muster erst bei näherem Hinsehen auffallen.

1919/20 sollte ein neuer Mieter einziehen, der das Mietshaus in ein Bürohaus umwandelte. Der Architekt Vilém Ptačinský baute das Gebäude zu einem Verwaltungsgebäude der im nahen Kladno ansässigen Poldi-Hütte (Huť Poldi), einer der großen Edelstahlproduzenten des Landes, um. Das dürfte auch die Edelstahlportikus erklären, die somit eine Art Werbung für das Produkt des Hauses war.

Im Laufe der Zeit wurde das Gebäude weiter umgebaut, aber der Charakter der Fassade änderte sich nicht mehr grundlegend. Hauptsächlich wurde hier der Pensionsfonds der Firma verwaltet, die 1948 verstaatlicht wurde. Danach gehörte das Gebäude dem Bergbauministerium. Nach dem Ende des Kommunismus 1989 und der Re-Privatisierung wurden hier Mietbüros für verschiedene Firmen eingerichtet. Aber der Stahl vor dem Eingang blitzt immer noch blank und erinnert an die früheren Zeiten des Hauses als Eigentum der Poldi-Hütte.

Und das beschränkt sich nicht nur auf das Material der Portikus. Wenn man nämlich ein wenig genauer hinschaut, sieht man im Eingangsbereich unterhalb der Portikus auch das alte Traditionslogo der Poldi-Hütte, das das Profil einer Frau zeigt. Damit hatte der Firmengründer, Karl Wittgenstein (der Vater des berühmten Philosophen Ludwig Wittgenstein) seine eigene Frau in feinem Edelstahl (was sonst?) verewigt, die Leopoldine hieß. Ihr Kosenamen „Poldi“ gab der Eisenhütte ihres Mannes auch den Namen. (DD)

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