Ein Hauch von anarchischem Individualismus

Der weithin sichtbare Zeppelin über dem Dach kündigt bereits ein ganz besonderes Museum mit Avantgardeanspruch an. Das hölzerne Gulliver Airship ist das Werk des Architekten Martin Rajniš. Bei dem Museum, dessen zwei Gebäudeteile es in schwindelerregender Höhe verbindet, handelt es sich um das Zentrum für zeitgenössische Kunst DOX (Centrum současného umění DOX) in der Poupětova 1 im Stadtteil Holešovice.

Der Name DOX leitet sich von dem altgriechischen Wort δόξα (dóxa) ab, was soviel wie „Meinung“ oder „Dafürhalten“ bedeutet. Das Wort bedeutet wohl Ansporn für die Betreiber – nicht im Sinne von orthodox, sondern von unorthodox (um nicht zu sagen: heterodox). In der Tat: Das Unorthodoxe und Unkonventionelle ist hier nicht nur Pose (wie in vielen Museen für moderne Kunst), sondern gelebte Realität. Selten habe ich so ein geistig anregendes, aber aber Spaß machendes Museum gesehen, wie dieses Ausstellungszentrum.

Seit 2008 gibt es das Zentrum. Es handelt sich um eine private Gründung, die vor allem von Leoš Válka betrieben wurde, einem 1996 aus dem australischen Exil zurückgekehrter erfolgreicher Unternehmer. Das Gebäude war zuvor eine 1901 gegründete Maschinenbaufabrik, die vor allem in den 1920er und 1930er im konstruktivistischen Stil erweitert und umgebaut worden waren. Valká erwarb das Gebäude 2002 und ließ es von dem Architekten Ivan Kroupa künstlerisch umgestalten, der für das Resultat zahlreiche Architekturpreise einheimste.

Wir haben es hier mit einem Gebäude zu tun, das nicht nur Kunst enthält, die zum Denken einlädt (wozu witzige Spruchtafeln animieren, Bild links), sondern dies bereits selbst tut. Um sich zurechtzufinden durchwandert man viele Gänge, die die beiden Hälften verbinden und immer irgendwo hin führen, wo man es nicht erwartet hat. Plötzlich sieht man plötzlich eine Ausstellung oder ein Teil davon, den mangerade dort nicht wähnte. Immer wieder eröffnen sich interessante architektonische Perspektiven. Man kann sich – im positiven Sinne – oft verlaufen.

Das wichtigste sind natürlich die Ausstellungen selbst. Die löcken wider den Stachel und teilen auf intelligente Art und Weise aus. Ein Hauch von anarchischem Individualismus liegt in der Luft, der ideologisch nicht doktrinär (links) ist. Zur Zeit unseres ersten Besuches (Januar 2019) gab es eine unter anderem eine Ausstellung des Designers Erik Kessels unter dem Titel Hard Times, die aussah wie ein Fitnessstudio. Die Frage, mit der sich der Besucher aktiv befassen sollte, war hierbei, warum sich so viele Menschen in sich selbst zurückziehen (etwa im Fitnessstudio), statt die Welt zu verbessern. Das könnte schnell in linkem Politkitsch enden. Hier hingegen konnte sich der Betrachter aktiv austoben, in dem er etwa Sandsäcke mit den Konterfeis verschiedener Diktatoren und Möchte-gern-Diktatoren wie Castro, Putin, Pinochet, Kim Jung un oder Maduro prügeln durfte.

Eine klare Freiheitsbotschaft, die sich auch in der Ausstellung #Data Maze forstetzte, die sich sehr interaktiv und diskursiv gestaltet mit den Gefahren für die Privatsphäre durch das Internet auseinandersetzte. Eines scheint aber allen Ausstellungen, die hier im engen Wechsel Einzug halten, gemeinsam. Der Betrachter wird aktiv einbezogen und zum nachdenken bewegt. Auch technisch ist man, was die Multimedialität aneght, voll auf der Höhe. Für den Fan moderner Kunst ist das DOX das wahre Mekka in Prag! Außerdem ist es ein ausgesprochen familienfreundlicher Ausstellungsort, wie die Unzahl von kleinen Kindern zeigt, die sich hier mit ihren Eltern sehr amüsieren.

Abgerundet wird das Gesamtkonzept dieses ungewöhnlichen Ausstellungszentrums durch die zahlreichen zusätzlichen Dauereinrichtungen, wozu eine Bibliothek/Archiv gehört, in dem man vor Ort schmökern kann (Bild rechts), ein Café und vor allem ein Museumsladen. Der verkauft nicht nur Postkarten und Kataloge, sondern ist ein hochwertiger Buch- und Kunstladen, in dem es speziell angefertigte Kunsthandwerksdesigns zu kaufen gibt. Ach ja, über 3000 Quadratmeter stehen alleine als Ausstellungsfläche zur Verfügung. Man sollte sich also viel Zeit nehmen. (DD)

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