Kafka näher gebracht

Bei Smetana war es so (hier) und bei Dvořák (hier) ebenfalls: Die Gebäude der Museen, die großen in Prag wirkenden Kulturschaffenden gewidmet sind, stehen oft mit dem dort Geehrten in keinerlei historischer Beziehung. Das gilt auch für das Kafka Museum in der Cihelná 635/2b in der Kleinseite. Franz Kafka, der wohl bekannteste Schriftsteller, den Prag hervorgebracht hat, ist in diesem Haus weder geboren noch gestorben und auch gelebt hat er darin nicht.

Das sollte einen aber nicht abhalten, das idyllisch an der Moldau gelegene Gebäude einer ehemaligen Ziegelei zu besuchen, um eine wirklich gut gemachte Ausstellung über Kafka zu sehen. Ursprünglich war es eine Wanderausstellung, die 1999 in Barcelona und 2002/2003 in New York präsentiert worden war, die hier in der alten Ziegelei 2005 ihr dauerhaftes Domizil aufschlug. Aus der Wanderausstellung wurde ein richtiges Museum.

Und das Museum ist didaktisch voll auf der Höhe und dem (schwierigen) Gegenstand gewachsen. Die Sammlung enthält Dokumente, Photos, Originalhandschriften, Originalausgaben und vor allem multimediale Elemente, die atmosphärisch dicht verbunden sind. Die passend zu der düsteren Weltsicht Kafkas sehr dunklen Räume des einstöckigen Gebäudes führen zunächst einmal in das Umfeld Kafka in seiner Zeit ein – was bedeutete das Leben eines deutschsprachigen Juden in einer hauptsächlich tschechischen Stadt? Man erfährt etwas über den Antisemitismus, der in der Zeit immer mehr Verbreitung fand. Dann kommen Abteilungen zu Berufsweg (er liebte den Job bei einer Versicherung nicht, sie inspirierte ihn aber anscheinend zu einer finsteren literarischen Bürokratiekritik), Lebensweg, Beziehungen, Tod, Rezeption u.v.a..

Für den Kenner bietet das Museum eine wahre Fundgrube an neuen Informationen. Das Zusammenspiel von Dunkelheit, Multimedia und einem nicht immer linearen Aufbau der Exponatfolge bringen aber selbst dem Unkundigen – oder demjenigen, dem wie dem Schreiber dieser Zeilen, Kafka im Deutschunterricht dereinst eher fern-, denn nahegebracht wurde – die Person des Schriftstellers in seiner Zerrissenheit und seiner Sensibilität näher. Vielleicht sollte man doch mal wieder etwas von ihm lesen. (DD)

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