Ein Ort zum Gedenken und Nachdenken

Nachdem der Friedhof im jüdischen Ghetto zu eng und überfüllt geworden war, hatte Kaiser Joseph II. 1785 per Dekret veranlasst, einen jüdischen Friedhof außerhalb der Altstadt in Žižkov anlegen lassen. Der erwies sich Ende des 19. Jahrhunderts auch als zu klein.

1890 wurde deshalb neben dem alten (nicht-jüdischen) Olšany-Friedhof in Žižkov der Neue Jüdische Friedhof (Nový židovský hřbitov) eröffnet – der größte und bekannteste aller jüdischen Friedhöfe Prags. Ganze 100.000 Quadratmeter misst er an Fläche (das ist 10 mal mehr als der Friedhof im Ghetto hatte) und ist für 100.000 Gräber ausgelegt. 25.000 sind es bisher.

Der neue Friedhof wurde nach den damals modernsten Standards angelegt, inklusive einer klar geplanten Parzellenaufteilung. Die wesentlichen Infrastrukturgebäude – Mauer, Torbogen am Eingang, Zeremonienhalle mit Synagoge – wurden kohärent im damals modernen Neorenaissance-Stil entworfen. Hervorzuheben ist dabei die Zeremonienhalle (Bild rechts, großes Bild oben), die von dem Architekten Bedřich Münzberger entworfen wurde. Im Gegensatz zu vielen der Synagogen in der Stadt hat der Architekt hier auf jede Form von „Orientalismus“ verzichtet. Neorenaissance war ein Konfessionen übergreifender modischer Stil in der Zeit als der Friedhof angelegt wurde. Man darf annehmen, dass diese Modernität beabsichtigt war, denn die Juden sahen sich gerade in Prag als gleichberechtigte Bürger (was sie rechtlich seit 1848 auch waren) und wurden auch so generell von Nicht-Juden gesehen. Insbesondere in der Tschechoslowakischen Republik nach 1918 war die Akzeptanz hoch. Der erste Präsident, Tomáš Garrigue Masaryk, stand dem Zionismus mit Sympathie gegenüber.

Dieser hohe Grad an Akzeptanz und Assimilierung der Juden in Prag Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wird bei einem Gang durch das schön von alten Bäumen bewachsenen Friedhofsgelände mehr als deutlich. Grabstellen, die spezifisch jüdische Religionssymbole (etwa den Davidstern) oder hebräische Beschriftungen tragen, gibt es zwar, sie sind aber deutlich in der Minderzahl.

Man merkt es streckenweise dem Friedhof kaum an, das er ein jüdischer Friedhof ist. Die Gestaltung der der Grabmäler (darunter einige prachtvolle Mausoleen) orientiert sich häufig am jeweiligen Zeitgeschmack, denn an jüdischen Kriterien. Die Stilbreite reicht von gotisch über antikisierend bis hin zu bisweilen avantgardistischen Modernismen, wie etwa das rechts oberhalb abgebildete Grab im Stil des Kubismus.

Auffallend ist, dass – weil sie in Friedhöfen Ende des 19. Jahrhunderts generell „im Trend“ lagen – viele Gräber mit gotischen Fialen geschmückt sind, die eigentlich als typisches Merkmal christlicher Architektur gelten. Insgesamt ist ein Gang durch den Friedhof somit auch ein kleiner Gang durch die Kunstgeschichte seit dem 19. Jahrhundert. Bedeutende Künstler und Architekten gehörten zu den Gestaltern vieler Gräber.

Und was auffällt ist auch, dass die überwältigende Zahl der Gräber eindeutig deutsche Namen tragen. Deutsche und jüdische Kultur waren im kosmopolitischen Prag eng verwoben. Der Einmarsch der Deutschen 1939 und Hitlers Völkermord an den Juden, der die jüdische Gemeinschaft in Prag fast auslöschte, setzte dem ein grauenvolles Ende. Dem Schrecken der Nazizeit wird auf dem Friedhof angemessen gedacht. Es gibt ein Denkmal, das den Opfern gedenkt. Vor allem ist es aber das individuelle Opfer und sein Andenken, das menschlcih erschüttert. Da die Hinterbliebenen häufig die Opfer des Mordens nicht mehr dort beerdigen konnten, gibt es an der Friedhofsmauer viele Gedenktafeln, die an die Opfer der Konzentrationslager erinnern.

Der Neue Jüdische Friedhof ist daher ein Ort zum Gedenken und Nachdenken. (DD)


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