Heldenhafter Feuerwehrmann

Das Raffinierte an diesem Haus ist, dass es sich so harmonisch in die barocke Umgebung einfügt, dass man es auf den ersten Blick gar nicht so richtig als etwas Besonderes wahrnimmt. Dann schweift der Blick nach oben. Der wackere Feuerwehrmann, der die holde Dame heldenhaft vor dem grausamen Flammentod rettet, ist so ganz und gar nicht barock.

Das Gebäude, auf dem er sein edles Werk vollbringt, wurde nämlich erst 1901 gebaut und ironischerweise hatte man zwei Jahre zuvor zu diesem Zweck drei kleinere, aber echte Barockhäuser abgerissen. Aber das Haus der Prager Stadt-Versicherungsgesellschaft (Pražská městská pojišťovna) am Staroměstské náměstí 932/6 benötigte eben viel Platz. Erbaut wurde es von dem Architekten Osvald Polívka. Der gilt eigentlich – wir zeigten es u.a. schon hier, hier und hier – als der große Meister der Jugendstilarchitektur in Prag. Aber hier, genau zwischen zwei der wichtigsten Barockgebäuden am Altstädter Ring – dem Palais Kinsky und der Nikolaus-Kirche – war ein hohes Maß an stilsicherer Anpassungsfähigkeit gefordert und Polívka zeigte, dass er auch den Neobarock beherrschte.

Bei der Gestaltung der Außenfassade sparte man damals nicht und heuerte die bedeutendsten Bildhauer der Zeit an, von denen des Symbolist Ladislav Šaloun , der nebenan das große Hus-Denkmal geschaffen hatte, sicherlich der bekannteste ist. Er gestaltete die vier Allegorien auf die Fakultäten der Universität am linken Teil des Gebäudes, der theologischen, der juristischen (kleines Bild rechts), der medizinischen und der philosophischen. Auch hier zügelte der Künstler seinen Hang zum Symbolismus und passte sich der barocken Formensprache an. Dieser linke Bauteil sieht übrigens aus wie ein separates Gebäude (zartrosa bemalte Fassade, nicht gelb wie der Hauptteil), ist es aber nicht, sondern sollte gestalterisch an einen der Vorgängerbauten erinnern.

Aber der Clou ist natürlich der todesmutige Feuerwehrmann, der links oben auf dem Dach sein nobles Rettungswerk vollbringt, den Schlauch noch in der Hand, während um ihn herum güldene Flammen lodern. Und auf der rechten Dachseite ist noch ein Paar (Bild links), das um Hilfe fleht und sie mit Sicherheit von dem behelmten Helden bekommen wird. Bei den beiden handelt es sich um ein reiferes Pärchen, weshalb es eine Selbstverständlichkeit ist, dass die hübsche junge Frau, die so ganz alleine ist, prioritär gerettet werden muss. Das Ganze ist das Werk des Bildhauers Bohuslav Schnirch, der dem Neorenaissancestil verpflichtet war, und über den wir u.a. schon hier und hier berichteten.

Der mit Helm und Schlauch (die gummierte Variante gab es erst ab 1865) für damalige Verhältnis hypermodern ausgestattete Feuerwehrmann soll wohl das für eine Versicherung so essentielle Gefühl der Sicherheit verbreiten und zugleich auf deren Kerngeschäft, die Feuerversicherung, verweisen. Müssen müsste der Feuerwehrmann das heute nicht mehr, denn drinnen im Gebäude residiert keine Versicherung mehr, sondern das tschechische Ministerium für Regionalentwicklung. (DD)

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