Der Vojan Park: Ruheoase auf der Kleinseite

Draußen auf der Straße schieben sich Kolonnen von Touristen vorbei, um zur Karlsbrücke zu gelangen. Drinnen befindet sich im Vergleich dazu eine geradezu überraschende Ruheoase. Das Barocktor (Adresse: U Lužického semináře 17), das als einziger Eingang zum Park führt, scheint so unauffällig zu sein, dass nur wenige Kenner eintreten und sich auf einer freien Bank (eine Seltenheit auf der Kleinseite!) eine Rast gönnen. Dabei hätte der Vojan Park (Vojanovy sady) alle Aufmerksamkeit verdient.

Benannt wurde der Park nach dem Schauspieler Eduard Vojan, einem Pionier des frühen Kinos im Lande, der hier in der Nähe wohnte. Aber der Name täuscht, was das Alter des Parks angeht. Der ist nämlich die älteste erhaltene Gartenanlage in ganz Prag. Er wurde um das Jahr 1248 als Teil des Hofes des Prager Erzbischofs, der sich hier einst befand, angelegt. Das und seine spätere klösterliche Nutzung erklärt, warum der Garten hoch ummauert ist – und sich dadurch den Blicken der Touristen ein wenig entzieht.

Nachdem der Bischofssitz in die Altstadt verlegt worden war, ging das Areal im 17. Jahrhundert an den Orden der Karmelitinnen über, die den Park als Klostergarten ausbauten, bei dem – im Gegensatz zu heute – größtenteils Obstbäume und andere Nutzpflanzen die Szenerie bestimmten, aber ein Teil des Gartens war auch mit Zierpflanzen aller Arten bepflanzt und war als formaler Garten im barocken Stil ausgelegt. Er sollte als Ort der Kontemplation für die Ordensschwestern dienen.

Um diesen Zweck zu unterstreichen, baute man in den Jahren um 1660/70 die Kapelle des Heiligen Elias als Ort des Gebetes in den Park. Die ist wohl die architektonische Besonderheit des Gartens, denn sie ist in Gestalt einer kreuzförmigen Grotte gebaut. Kunstvoll bearbeiteter schwarzer Stuck soll den Eindruck erwecken, hier habe die Natur ein frommes Werk vollbracht. Über der Tür der (leider geschlossenen) Kapelle befindet sich ein originelles Wappen, das den habsburgischen Adler mit den Insigninien des Karmelitinnenordens kombiniert.

Diese Kapelle, die zu den originellsten in Prag gehört, war nicht genug. Im Jahre 1743 baute man noch die kleine (und wesentlich konventionellere) Kapelle der Heiligen Theresa (kleines Bild links) im nunmehr zur Gartengestaltung passenden Barockstil und vier Jahre die in die Mauer integrierte Kapelle des Heiligen Nepomuk (rechts), die am Ende einer der Sichtachsen ihre optische Wirkung entfaltet.

1782 kam die Klosterauflösung durch Kaiser Joseph II. und mit ihr ein neuer Eigner, der Orden der Englischen Fräulein. Das klingt widersprüchlich, im Zuge der Klosterauflösung einen Orden durch einen anderen zu ersetzen, aber dem Kaiser ging es als sparsamen Aufklärer nicht per se um die Zerstörung von Orden, sondern darum, dass statt dem frommen, kontemplativen und somit „unproduktiven“ (nach seiner Lesart) Ordensleben nun ein gesellschaftlich nutzbringendes installiert werden sollte.

Die Englischen Fräulein richteten hier nämlich eine Klosterschule ein und sie veränderten auch den Garten, der nun ein natürlich wirkender Landschaftsgarten im englischen Stil wurde – inklusive eines kleinen Bächleins mit Teich und reichem Baumbestand. Nur der hintere Teil, dessen Attraktion übrigens seine Pfauen sind, erinnert noch ein wenig an den alten, formalen Barockgarten der Karmelitinnen.

1920 säkularisierte die neue Tschechoslowakische Republik die Anlage und verkleinerte durch den Ausbau des nahegelegenen Finanzministeriums den Garten ein wenig. 1954 wurde er der Öffentlichkeit zugänglich, wozu man ihn ein wenig veränderte, insbesondere durch die Verbreiterung der Gehwege. Ab den 1970er Jahren stellte man auch noch einige moderne Skulpturen auf, die heute noch den Park schmücken.

Vieles von dem, was den Park nun ausmachte, wurde bei dem Großen Hochwasser von 2002 arg ramponiert. Das wurde aber inzwischen sorgfältigst behoben. Und so kann man sich an einem schönen Sonnentag auf einen geruhsamen und ansprechenden Aufenthalt im Vojan Park freuen. (DD)

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