Abgelegenes Denkmal

Die Tschechen ehren ihre Dichter und Schriftsteller gerne mit großen Denkmälern. Mal mehr, mal ein wenig weniger. Einer davon war Jaroslav Vrchlický, der eigentlich Emilius Jakob Frida hieß. Der widmete sich nicht nur den für tschechisch-patriotisch denkenden Schriftstellern typischen Themen wie der Legenda o sv. Prokopu (Legende vom heiligen Prokop, 1879) oder den sozialkritischen Zlomky Epopeje (Landarbeiterballaden; 1886), sondern schuf auch mit seiner Komödie Noc na Karlštejně (Eine Nacht in Karlstejn, 1884) die Grundlage für ein bekanntes Musical, das wiederum die Vorlage für einen überaus erfolgreichen tschechoslowakischen Film der 1970er Jahre wurde. Den Nobelpreis erhielt er nicht, aber er war immerhin Kandidat für denselben. Als Literaturprofessor besorgte er die Übersetzungen ausländischer Klassiker von Goethe über Poe zu Baudelaire und machte sich somit um deren Verbreitung im Lande verdient. Außerdem schätzte ihn Antonín Dvořák als Librettsten seiner Opern.

Das war alles hinreichend Grund, ihm ein Denkmal zu setzen, was man zu Beginn der 1950er Jahre ernsthaft in Angriff. Im Jahre 1956 machten die Bildhauer Josef und Antonín Wagner (Bronzestatue) und der Architekt Jan Sokol (Sockel) sich ans Werk.

Eigentlich sollte das Denkmal sehr prominet aufdem Karlsplatz stehen. Nachdem städtische Juroren ein Gipsmodell beäugt hatten, beschlossen sie, dass es dann doch etwas abgelegener platziert werden solle. Und so steht es nun oberhalb der der deutschen Botschaft am Hang des Petřín-Berges.

Warum es zu dieser Ortsverlegung kam, weiß man nicht so genau. Ästhetisch entspricht das Denkmal der Gebrüder Wagner jedenfalls völlig dem damaligen Zeitgeschmack (es ist also recht konservativ gehalten). Auch Vrchlickýs literarische Verdienste wurde eigentlich nicht allgemein in Zweifel gezogen. Aber damals herrschte eben der Kommunismus und Antonín Zápotocký, ein recht blutrünstiger Stalinist, war Präsident. Da konnte jedermann Opfer willkürlicher Entscheidungen werden – selbst als in Bronze gegossenes Denkmal. (DD)

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