Heilige in Kasematten

Die wenigsten Touristen ahnen, dass die schönen Barockstatuen auf der Karlsbrücke mittlerweile nur noch Kopien sind, weil die Originale über die Jahrhunderte zu sehr der Gefahr der Verwitterung ausgesetzt waren. Wer also einige der Originale bewundern will, sollte daher die die Kasematten auf dem Vyšehrad, der alten Burg im Süden der Stadt, besuchen. Aber auch ohne Heiligenstatuen sind die Kasematten einen Besuch wert.

Die Geschichte der modernen Befestigung des Vyšehrad – und damit die der Kasematten – begann 1654 als Kaiser Ferdinand III. den Bau der Festung auf der zuvor „zivilen“ Ortschaft auf dem strategisch gelegenen Berg über der Moldau anordnete. Richtig los ging es aber erst 1741 als französische Truppen im Zuge des Österreichischen Erbfolgekrieges Prag besetzten und die Festung modern ausbauten – in Erwartung der dann 1742 erfolgenden Belagerung durch die Österreicher, die sich „ihr“ Prag 1743 wiedereroberten. Die Wälle und Basteien waren erhöht und verstärkt worden und innen mit Kasematten (befestigte Bunkerräume und -gänge) gesichert worden.

Die Österreicher freuten sich über den Ausbau, aber nur kurz. 1744 eroberten im Zuge des Zweiten Schlesischen Krieges die Preußen für kurze Zeit Prag und wollten die Festung sicherheitshalber erstören. Sie stellten bei ihrem Abzug 130 Fässer Schießpulver in die Kasematten und legten eine lange Lunte. Zwei Prager Bürger aus dem Ortsteil unterhalb der Burg fanden den Mut, in das Gebäude einzudringen und die Lunte im allerletzten Moment zu entfernen. Deshalb können wir auch heute noch die bombastischen Festungsmauern und die Kasematten bewundern.

Bei den ganzen Kampfhandlungen selbst, die mit den Kriegen verbunden waren, spielte die Festung keine Rolle. Sie wurde militärisch immer mehr obsolet. Trotzdem gab es 1841 unter dem Festungsgouverneur Karel Chotek von Chotkow noch einmal eine große Aufbesserung. Das wunderschöne klassizistische Tor mit seinen drei Einfahrten (Mitte: Kutschen, Seiten: Fußgänger) wurde erbaut.

Dieses Ziegeltor (Cihelná brána) in der V Pevnosti 46/1 dient heute als Infozentrum und Eingang für geführte Touren in die Kasematten – dem Innere der Festungsmauern. Es ist ein Stück von etwas weniger als einem Kilometer, dass durch die Führungen begehbar ist. Es sind Gänge, die Schießscharten für Kanonen und große Lagerräume verbinden.

Womit wir bei den Statuen der Karlsbrücke sind. Gorlice wird die größte Halle im Inneren genannt, die mit 330 Kubikmetern und 13 Metern Höhe tatsächlich recht imposant ist. Sie diente dereinst als Lebensmittellager oder Sammlungsort von Truppen. Zeitweise war sie wohl, wie man an den Stützsteinen in der Wand sieht, in drei Stockwerke aufgeteilt.

In den 1990er jahren wurde sie dem Publikum geöffnet und beinhaltet nun sechs der Originalstatuen der Karlsbrücke, darunter die der Heiligen Ludmilla mit ihrem Enkel, dem künftigen Heiligen Wenzel (Bildhauer Matthias Bernhard Braun um 1730, kleines Bild rechts), oder des Heiligen Adalbert (von Ferdinand Maximilian Brokoff um 1709, großes Bild oben). Hier lässt einem die Führung genügend Zeit, um den großen Raum und vor allem die originalen Barockstatuen eingehend zu beäugen – viel eingehender als man es auf der Karlsbrücke hätte tun können. (DD).

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