Gedenken an den Prager Aufstand

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Ab und zu sieht man an den Wänden Prager Häuser kleine Gedenktafeln, auf denen die Namen von Menschen verzeichnet sind, die im Frühjahr 1945 den Tod fanden, und die mit einer zum Schwur erhobenen Hand versehen sind. Unter der Hand stehen die Worte: „Věrni zůstaneme“ (Wir bleiben treu). Sie wurden zum Gedenken an die Opfer des Prager Aufstandes (siehe auch hier und hier) angebracht. Die Geschichte dieses Schwurhandsymbols ist auch die Geschichte der Wirrnisse der Gedenkkultur der Nachkriegszeit, die den Helden des Aufstands nicht immer Gerechtigkeit widerfahren ließ.

Unter den Kommunisten war es die offizielle Devise, dass Prag am 9. Mai 1945 von der Roten Armee befreit worden war. Tatsächlich hatten sich die deutschen Truppen aber schon am Vortag den aufständischen Pragern unter der Führung von General Karel Kutlvašr ergeben. Der Aufstand war am 5. Mai – also heute vor genau 74 Jahren – ausgebrochen und führte zu heftigen Kämpfen. Die Deutschen überlegten, ob sie darob nicht die ganze Stadt in Schutt und Asche legen sollten, mussten aber am Ende aufgeben, zumal sie bereits durch die anrückende Rote Armee unter Druck geraten waren.

IMG_3583Der Prager Aufstand war für viele Tschechoslowaken auch deshalb ein wichtiges Fanal, weil er den Willen bekräftigte, das Land nach der Nazibesetzung nicht unbedingt nach den Regeln Stalins wieder aufzubauen, sondern aus eigener Kraft und unter demokratischen Vorzeichen. Das gelang unter er Regierung Beneš noch einigermaßen und entsprechend wollte man auch des Aufstandes gedenken. Ende 1945 wurde eine Kommission eingesetzt, die eine entsprechende Denkmalskultur entwickeln sollte. Dabei kam man auf die Idee, dass neben den üblichen Denkmälern die Individualität der Opfer in den Vordergrund gestellt werden sollte. Das tat man, indem man an den Häusern der Opfer kleine Plaketten oder Tafeln anbrachte, die mit dem Namen und dem Todestag versehen war. Auch Kämpfern, deren Namen man nicht mehr feststellen konnte, wurden an dem Ort, an dem sie fielen, als „neznámý bojovník“ (Kämpfer ohne Namen) geehrt, wie man am großen Bild oben, eine Plakette in der Hybernská, sieht. Von dem akademischen Bildhauer Karel Pokorný stammte dann die Gestaltung der Schwurhand, die von der Jury der Kommission als zutiefst angemessen honoriert wurde.

IMG_3584Das ging nur bis zur kommunistischen Machtübernahme im Februar 1948 gut. Die Kommunisten versuchten den Prager Aufstand und die damit verbundene politische Botschaft durch einen geschickten Mix von Verschweigen und Unterdrücken (in den 1950er und 1960er Jahren) oder Einvernahme (vor allem ab den 1970er Jahren) zu neutralisieren. Es gab auch später noch Plaketten, aber eben ohne Schwurhand und ohne Motto, wie bei der rechts abgebildeten an der Ecke  Belgická/Uruguayská. Warum?

Kurz: Die Symbolik, die Pokorný gewählt hatte, widersprach dem kommunistischen Geist in fast allen ihren Aspekten. Zum einen war die Schwurhand eindeutig eine Anspielung auf die christliche Ikonographie. Der Spruch „Věrni zůstaneme“ (Wir bleiben treu) war zudem dem Werk des Dichters František Halas entnommen, der als Mitglied des demokratischen Widerstandes gegen die Nazis eine integere Figur war, aber von Anfang an nie aus seiner Abneigung gegen die Kommunisten einen Hehl gemacht hatte. Noch 1948 weigerte er sich, dem kommunistisch gleichgeschalteten Schrifstellerverband der Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik beizutreten – ein mutiger Akt der Rebellion. Věrni zůstaneme war zudem auch der Name einer Widerstandsgruppe gegen die Nazis, die bewusst nicht kommunistsich ausgerichtet war, und die im Jahre 1941 illegal ein Manifest zirkulierte, das unter dem Titel „Za svobodu, do nové ČSR“ (Für die Freiheit, zu einer neuen Tschechoslowakischen Republik) eine demokratische Zukunft für das Land einforderte.

Materialmangel in der kargen Zeit nach 1945 machte die allzu weite Verbreitung der Tafeln schwierig. Die meisten von ihnen wurden noch 1947 hergestellt und an den Gedenkorten angebracht. Gerade weil sie den Geist des Prager Aufstands so gut erfassten, veränderten die Kommunisten danach die Symbolik des Pokornýschen Kunstwerks und verbannten deren politische Aussage aus dem öffentlichen Raum. Immerhin zerstörten sie nicht bereits errichtete Plaketten. (DD)

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