Erfolgreichstes Theater

Unter einem Nationaltheater stellt man sich normalerweise einen riesigen Prachtbau vor. Dieses hier ist jedoch recht klein geraten. Da die Akteure Marionettenpuppen sind, wäre ein größeres Theater allerdings der guten Sicht auf die Bühne abträglich. Dafür kann das Nationale Marionettentheater (Národní divadlo marionet) sich rühmen, das wohl erfolgreichste Theater der Stadt zu sein.

Sein größter Bühnenheld, Mozarts Frauenverführer Don Giovanni, hat es immerhin schon auf fast 5000 Aufführungen gebracht. Draußen vor der Tür des Theaters steht er schon bereit, um Besucher anzulocken und dann auf der Bühne zu begeistern. Das gelingt ihm in der Vorführung nach der Regie des leider 2014 verstorbenen Karel Brožek, dessen Erbe somit weiter fortlebt, geradezu spielend. Überhaupt fokussiert sich das Theater primär auf Opernaufführungen. Dem Don Giovanni folgt meist die Zauberflöte (großes Bild oben, Regie: Alois Tománek), aber ab und an stehen auch andere Opern auf dem Programm.

Das Marionettentheater hat in Tschechien eine große und lange Tradition. Schöne, aus Holz geschnitzte Marionetten gehören in das Angebot jedes Souvenirshops in Prag (wobei man vielleicht erst einmal den theatereigenen Shop ausprobieren sollte, der ein natürlich ein besonders hochwertiges Angebot bietet). Und es gibt viele gute Theater in der Stadt. Aber dass es hierzulande sogar ein richtiges Nationaltheater der Marionetten gibt, ist sowohl konsequent als auch weltweit einzigartig.

Offiziell gibt es das Nationaltheater unter diesem Namen erst seit 1991, aber es kann natürlich auf eine längere Vorgeschichte zurückblicken. Man sieht es an dem eleganten Art Déco-Stil des Gebäudes inmitten der Altstadt in der Žatecká 1 an, dass hier schon in den Zeiten der Ersten Republik die Puppen auf der Bühne tanzten.

Říše loutek (Reich der Puppen) hieß das 1928 gegründete Theater damals und schon im Jahre 1929 sollte es einen besonderen Platz in der Geschichte des Marionettentheaterwesens zugewiesen bekommen. Als der französische Puppenspieler Jacques Félix Ende der 1920er Jahre einen internationalen Verband der Puppenkünstler gründen wollte, um dem Marionettenspiel die weltweite künstlerische Anerkennung zu erkämpfen, das es verdiente, war Prag vielleicht der naheliegendste Ort überhaupt für die Gründung. Und so wurde genau an jenem Ort, an dem sich heute das Nationaltheater befindet, im Jahre 1929 die UNIMA (Union Internationale de la Marionnette) ins Leben gerufen, die bis heute besteht. Die lustige Metalltafel an der Außenwand des Theaters mit den in einer Reihe sitzenden Marionetten im Stil des Kasperletheaters erinnern an dieses historische Ereignis.

Für den Pragbesucher ist das Theater natürlich ein Muss. Die Musik bei den Opern entstammt zwar meist einem Tonträger (für ein Orchester reicht der Platz drinnen nicht), aber die Vorführungen sind lustiger und unterhaltsamer als das Meiste, was „echte“ Operntheater manchmal bieten. Die Puppen und das Bühnenbild sind liebevoll gestaltet, die Puppenspieler agieren mit Spielfreude – wofür sie am Ende, wenn sie sich endlich einmal selbst zeigen können, viel Applaus bekommen.

Ein kleines Museum ergänzt das Angebot. Für Kinder (die an Einführungsworkshops teilnehmen können) ist das Nationaltheater sowieso die beste Art und Weise, in die Welt der Oper eingeführt zu werden. Und natürlich haben auch Erwachsene einen Riesenspaß daran. Dass das Theater das erfolgreichste in Prag ist, kommt schließlich nicht von ungefähr. (DD)

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