Kubismus für den Konditor

Seit 1910 kann man hier feinste Kuchen und Torten genießen. In diesem Jahr zog der Konditor František Myšák hier ein, um eine Konditorei mit Café einzurichten, die bis heute von Kennern gerühmt wird. Das alleine macht einen Besuch des Gebäudes in der Vodičkova 710/31 in der Neustadt sinnvoll. Aber selbst diejenigen, die gerade Diät halten, sollten mal vorbeischauen, denn das oft nach dem Café benannte Dům U Myšáka (Haus bei Myšák) ist ein Stück besonders bemerkenswerter Architektur – eines der Meisterwerke des Kubismus in Prag.

Als Myšáks Konditorei hier einzog, stand an diesem Ort noch ein Neorenaissance-Gebäude aus dem Jahr 1881; ein Werk des Architekten Otto Ehlen. 1922 fand Myšák das wohl nicht mehr zeitgemäß und ließ das Haus von Grund auf neubauen. Dazu heuerte er zwei Architekten, die zu den bedeutendsten Vertretern des damals hypermodernen Kubismus gehörten: 
Josef Gočár (siehe frühere Beiträge u.a. hierhier und hier) und Pavel Janák (hier). Das, was jedem Vorbeigehendem allerdings am eindrücklichsten auffällt, nämlich die Fassade, überließen die beiden Architekten allerdings ihrem Kollegen
Josef Čapek, dem daher die Ehre gebührt, eine der interessantesten Fassadengestaltungen des Kubismus überhaupt entworfen zu haben. Er ist übrigens nicht zu verwechseln mit dem berühmten gleichnamigen Maler, Bühnenautor und Bruder des berühmten Karel Čapek (siehe früheren Beitrag hier).

Dieser Čapek hatte sich bei der Fassadengestaltung des Myšákschen Hauses einer Variante des Kubismus bedient, diein den 20er Jahren en vogue war, und die sich von der abstrakten Formenstrenge und dem Funktionalismus des frühen Kubismus vor der Zeit des Ersten Weltkriegs löste. Die geometrischen Formelemente, die den Kubismus auszeichneten, wurden nun wieder für architektonische Nachempfindungen folkloristischer oder klassischer Baustile verwendet. Oft wurden noch Skulpturen hinzugefügt. Rondokubismus nennt man diese typisch tschechische Ausprägung des Stils. Auf Skulpturen hat Čapek hier jedoch verzichtet, wodurch trotz der gigantisch anmutenden Anspielungen auf klassische oder byzantinische Architektur mit geometrisch verfremdeten Säulen (großes Bild oben) hier doch wieder der schlichte Formwille des Kubismus in seiner Klarheit zum Tragen kommt. Um die Modernität noch einmal zu unterstreichen, verwendete er dabei auch keinen natůrlichen Stein, sondern einen neu entwickelten farbigen Kunststein.

In den Zeiten des Kommunismus nach 1948 wurden Café und Konditorei enteignet, aber unter dem ursprünglichen Namen des Besitzer weiterhin wesentlich mehr schlecht als recht weiterbetrieben. 1988 wurde es wegen Baufälligkeit geschlossen. Wenn es überhaupt noch eines Argumentes gegen den Kommunismus bedürfte, so hätte man hier eines für die Freunde guter Süßspeisen gefunden.

Im Jahre 2009 – also 20 Jahre nach dem Ende des Kommunismus wurde das Café wieder eröffnet. Der für die Renovierung zuständige Architekt Jan Špaček musste lange in den Archiven alte Photos suchen, um das Café wieder blitzblank in seiner alten Pracht zu restaurieren. Auch das Café bemüht sich um historische Werktreue, ist es dort doch gelungen, viele von Myšáks raffinierten Kuchenkreationen gemäß Originalrezepten wiederauferstehen zu lassen. Dobrou chuť! (DD)

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