Zerbrechliche Spitzenkunst zu Ostern

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Ostern in Tschechien! Keine Frage, dieses Land verfügt über eine Ostereierkultur ersten Ranges. Die Bemalung und Dekoration von Eiern ist ein hoch entwickeltes Kunsthandwerk bei dem Tschechien an der Weltspitze liegt. Zu dessen Pflege gibt es sogar eine tschechische Vereinigung der Ostereimaler und Ostereimalerinnen, die zum Beispiel zwecks nachhaltiger Traditionspflege Kurse für Kinder durchführt. Die meist einfarbigen Eier, die man andernorts kaufen kann, erreichen nie die Filigranität der hiesigen Eier. IMG_4746Selbst industriell produzierte Eier, die man auf großen Ostermärkten findet, beeindrucken durch die hohe Komplexität der schnörkeligen, meist floralen Muster (Bild links).

Diese sind in verschiedenen lokalen und handwerklichen Ausformungen der Wesenszug des tschechischen Ostereis (das tschechische Begriff für Ostereier lautet übrigens kraslice).

In fast jedem Heimat- oder Volkskundemuseum kann man konservierte Ostereier nicht nur anschauen, sondern auch bewundern lernen. Die Muster wirken oft so als ob sie IMG_1535kleine geklöppelte Spitzenmuster wären. Und in der Tat, in einigen Regionen (rechts Beispiele aus dem bereits hier vorgestellten Heimatmuseum von Přerov im niederen Elbtal) werden die Eier tatsächlich mit echten Spitzen besetzt. Meist sind die Eier jedoch bemalt. Die bemalten Eier im großen Bild oben sind zum Beispiel der Stolz des großen Ethnographischen Museums in Prag (wir berichteten hier). Oft werden zusätzlich zu der Filigranmalerei auch IMG_0477kleine Applikationen angebracht (Bild links, ebenfalls aus der Prager Sammlung), um eine gewisse Dreidimensionalität der Muster zu erreichen. Dazu taugt fast jedes Material, etwa Bienenwachs, Stroh oder Binsenmark. Manche Eierkünstler verwenden auch so etwas wie eine Art Batiktechnik. Die Muster werden mit Wachs aufgetragen. Dann wird das Ei in die Farbe getaucht und anschließend getrocknet. Danach wird das Wachs entfernt und ein weißes Muster wird sichtbar. Raffiniert!

Man fragt sich, wie man so ein schönes Ei überhaupt essen kann, weil es dazu erst einmal zerstört werden muss. Oder sind sie von vornherein als Ziergegenstände konzipiert? In der Tat gibt es auch das sehr häufig. Eine zunehmend beliebte Technik des Eiergestaltens sind die sogenannten slovácké krasliche (gelochte Eier). Da werden ausgeblasene Eier mit einem Bohrer an einigen Stellen mit Löchern versehen, die dann mit Wachs ausgeschmückt werden. Das setzt eine moderne Bohrertechnik voraus, weshalb es sich auch um eine recht neue Tradition handelt.

Für den Normalmenschen ist das natürlich alles so kompliziert und schwierig zu lernen, dass sich gottlob die Industrie erbarmt hat, um dem Unbegabten oder künstlerisch Untrainierten hilfreich unter die Arme zu greifen. IMG_5092Es gibt in vielen Geschäften und Ostermärkten kleine Abziehbögen aus Gelatine zu kaufen, die in warmen Wasser eingeweicht werden. Dann legt man ein einfarbiges Ei darauf und durch Adhesivkräfte umschmiegt nun das Gelatinemuster das Ei und klebt fest. Wir haben es ausprobiert, um auch einmal richtig tschechische kraslice zu produzieren. Das Ergebnis sieht man rechts. Es kann mit den handgemachten Eiern in den Museen und auch den Märkten nicht ganz mithalten. Aber Spaß gemacht hat das Wasserplantschen mit den Eiern auf jeden Fall! (DD)

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