Bürgerlicher Barockbau

Die Straßenzüge von Altstadt, Neustadt und Kleinseite sind in Prag von so vielen großen bürgerlichen Wohnhäusern gesäumt, dass man oft geneigt ist, sie als nicht weiter zu beachtende Selbstverständlichkeit hinzunehmen. Ein genauerer Blick lohnt sich also. Als Beispiel bietet sich etwa das Braunův dům (Braunsches Haus) am Karlovo náměstí 671/24 (Karlsplatz) an. An der nordöstlichen Ecke des Platzes, genau gegenüber dem Neustädter Rathaus (früherer Beitrag hier) gelegen, hätte ein Bewohner damals im Jahre 1419 aus seinem Fenster den berühmten Ersten Prager Fenstersturz beobachten können. Auf jeden Fall verleiht ihm die Nähe zum Rathausturm einen besondern Glanz, wie das große Bild oben zeigt.

Denn: Das heutige Barockhaus steht natürlich auf den Fundamenten eines mittelalterlichen Gebäudes aus dem 14. Jahrhundert – jener Zeit also, in der Karl IV. die Neustadt anlegen ließ. 1337 wird es zum ersten Mal urkundlich erwähnt und zunächst hieß es noch „Salmovský Haus“ oder „Haus zum Steinernen Tisch“ (U kamenného stolu).

1714 kaufte jedoch der berühmte Barockbildhauer Matthias Bernhard Braun das Haus und zog hier ein. Der baute das Gebäude bis zu seinem Tode 1738 kräftig nach seinem Geschmack um und gab ihm im wesentlichen die heutige barocke Gestalt. Nach seinem Tode führte seine Tochter Marie die Umbauarbeiten weiter. Durch die neuen Pilaster an der Straßenfront erhielt das Haus einen etwas klassizistischeren Anstrich als es Vater Braun vielleicht geplant hatte. Enkel Franz verkaufte das Haus 1796 an die Familie von Hohenlohe-Kirchberg und 1867 ging es in den Besitz der Familie Thun-Hohenstein über.

Der Grundcharakter des Hauses blieb aber erhalten. In den 1960 veränderte man teilweise die Fassade und führte einige Umbauten im Sinne des damals üblichen realsozialistischen Geschmacks durch. Die sind mittlerweile verschwunden, denn nach der Renovierung 1990-92  ist es in neuem Glanz bzw. im Originalzustand wiederauferstanden. Heute findet man darinnen Büros, unter anderem einer großen Anwaltskanzlei, aber vor allem auch Konferenzräume, die gemietet werden können. Die Besucher von Events haben somit die Möglichkeit, ein besonders schönes und großangelegtes Bürgerhaus des Barocks kennenzulernen.

Was von außen wie ein längs der Straße liegendes langes Gebäude aussieht, ist in Wirklichkeit ein Hof mit einem schönen Atrium. Man kann ihn auf einem rundum laufenden Balkon umrunden, der überdacht ist. Hier kann man erkennen, dass sich das gehobene Bürgertum damals gerne ein geschütztes und idyllisches Refugium jenseseits der Hektik der Straße verwirklichen wollte. Draußen findet sich ein barockes Portal eines unbekannten Meisters. Und innen erinnern die sehr stimmungsvollen Konferenzräume mit ihren vom Barockarchitekten nachempfundenen Spitzgewölben ein wenig an den gotischen Ursprung des Hauses. (DD)


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