Per Rolltreppe vom Realsozialismus zum Barock

Sie scheint eigentlich nichts besonderes zu sein, die Metro-Station Malostranská (Kleinseite). Es handelt sich um die übliche eher öde Beton- und Stahlarchitektur, wie sie zur Zeit der Eröffnung im August 1978 im Ostblock bei U-Bahn-Bahnhöfen so üblich war. Fährt man mit der Rolltreppe dann von unten in Richtung des 32 Meter höher gelegenen Straßenniveaus, wird man allerdings im Zwischengeschoß vom Anblick einer Barockskulptur überrascht, die zunächst wie ein radikales Kontrastprogramm wirkt, aber dann doch geschickt in die realsozialistische Tristesse integriert ist. Wie ein überdimensionierter Heiligenschein wirkt die kreisförmige Struktur mit ihren kleinen Lampen über dem Haupt (großes Bild oben). Das wirkt schon fast unwirklich und man ist sich nicht sicher, ob das Zufall oder Absicht war.

Auf diese Weise wird man innerlich darauf vorbereitet, dass sich der Ausgang direkt am Waldstein Palast befindet. Das nicht sehr schöne Metro-Gebäude ist gottlob so flach und diskret in das Umfeld eingefügt, dass es dessen Schönheit nicht allzu sehr beeinträchtigt. Denn das Schloss und der dazu gehörende Garten, über die wir hier berichteten, sind in reinem Barock gehalten. Und darauf stimmen die Barockskulpturen im Inneren der Station ein, obwohl es sich hier keineswegs um originale Werke aus dem Waldstein-Palast handelt, sondern um Kopien von Barockwerken aus anderen Schlössern in Tschechien.

So auch die zuvor erwähnte Statue, eine Allegorie auf die Hoffnung (mit dem Attribut eines Ankers, der den sprichwörtlichen „Hoffnungsanker“ symbolisiert). Das Original ist ein Werk des Bildhauers Matthias Bernard Braun und steht im Garten des Schlosses von Kuks im Nordosten Tchechiens.

Im Vestibül angekommen findet man in verglasten und etwas verstaubt wirkenden Vitrinen zwei Vasen im typischen Rokokostil aus der Zeit um 1770.

Und auf Erdgeschosshöhe in der Halle erreicht man am Ende der zweiten Rolltreppe dann die Kopie einer Statue von Brauns Neffen und Schüler Anton Braun, die den mit geflügeltem Helm dargestellten Gott Merkur (unter einer modernen kreisförmigen Eisenstruktur, die gar nicht so schlecht dazu passt) zeigt. Das Original dieser Skulptur steht im Garten von Schloss Valeč, etwa 100 Kilometer nordwestlich von Prag.

Ein wenig zeitgenössische Kunst hat man sich übrigens 1978 auch erlaubt. Das Gitter am außen am Eingangsbereich ist das Werk des Bildhauers Jan Smrž. In den dreigliedrigen Gitter hat der Künstler Motive verarbeitet, die sich im Garten und im Palast wiederfinden und in künstlerisch moderner Art und Weise um Barockthemen (Sonne, Violinen) kreisen.

Die Station selbst wurde übrigen 1973 bis 1978 nach Entwürfen der Architekten Zdeněk Drobný und Otakar Kučera gebaut. 2002 versank sie in den Fluten der großen Moldauflut, wobei das Wasser bis zum Sockel der Allegorie der Hoffnung stand. Dort hat man danach wohl eine Markierung angebracht, die den Wasserstand festhielt. Sie wurde aber inzwischen gestohlen. Das Gebäude überstand die Wassermassen übrigens weitgehend unbeschadet. (DD)

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