Burg und Hungersnot (die nicht eintrat)

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Sie ist nicht nur eine der ersten böhmischen Steinburgen überhaupt, sondern auch die einzige, die seit ihrer Erbauung im 13. Jahrhundert ununterbrochen im Besitz der selben Familie blieb: Burg Sternberg, auf Tschechisch: Český Šternberk, was genauer übersetzt „Böhmisch Sternberg“ heißt, weil die Sternbergs bald darauf eine zweite Burg dieses Namens bauen ließen, die aber in Mähren steht und nicht in Böhmen. So ist jeder Verwechslung der beiden Sternbergburgen vorgebeugt.

IMG_4086Die Sternbergs gehörten seit je zu den einflussreichsten und reichsten Familien des böhmisch-mährischen Hochadels. Ihr böhmische Burg, um die es hier geht, erbauten sie im Jahre 1241. Sie liegt 30-45 Minuten Autofahrt südwestlich von Prag und ist für viele Prager ein beliebtes Ausflugsziel.

Die Lage hoch über den sich sanft durch die bewaldete Landschaft schlängelnden Fluss Sázava war ursprünglich sicher aus strategischen Gründen gewählt (so ein kleiner Fluss bremst den Ansturm feindlicher Soldaten), heute trägt er dazu bei, dass Besucher die Burg als besonders idyllisch gelegen empfinden, wie man beim großen Bild oben es bestätigt sehen kann.

IMG_4159Die Sternbergs waren in der Zeit der Hussitenkriege (wie die meisten Familien des Hochadels) klar auf der katholischen Seite. In der folgenden Regierungszeit des einzigen hussitischen Königs, Jiří z Poděbrad (Georg von Podiebrad), – siehe früheren Beitrag hier – wechselte der damalige Hausherr, Zdeněk von Sternberg, ab und an die Seiten in beide Richtungen. Der König, mit dem er übrigens verschwägert war, sah sich 1467 gezwungen, ein wenig für Ordnung zu sorgen. Dank neuer Militärtechnik und seines großen militärischen Talents eroberte er die bis dato als uneinnehmbar geltende Burg im Sturm.

IMG_4095Die Zerstörungen veranlassten die Sternbergs dazu, den frühgotischen Bau spätgotisch zu modernisieren. Die nächste große Umgestaltung kam im späten 17. Jahrhundert. Die Burg wurde immer mehr von der mittelalterlichen Festung hin zu einem modernen palastähnlichen Gebäude transformiert. Barock war angesagt – vor allem der große Rittersaal wurde durch die großartigen Stuckarbeiten des italienischen Künstlers Carlo Moretti Brentano in den Jahren 1660 bis 1667 zu einem Prunksaal aufgebessert. Von innen glich die Burg nun immer mehr den Schlössern und Palästen, die sich die Familie in Prag (z.B. hier und hier) oder Wien (hier) baute. Im frühen 20. Jahrhundert wurden technische Innovationen wie Elekrizität und fließend Wasser eingeführt. Später im Jahrhundert kam das Unglück in Form der Kommunisten, die die Burg enteigneten. Glück im Unglück: Der Besitzer, IMG_4098Georg von Sternberg, durfte als Kastellan die Burg weiter bewohnen und arbeitete zeitweise sogar als Führer für die Touristen, die das Schloss gerne besuchten. Das war zwar ein sozialer Abstieg, aber den meisten adligen Schlossbesitzern drohte damals Vertreibung und Exil.

Und auch heute, nachdem die Burg den Sternbergs nach dem Fall des Kommunismus im Jahre 1992 wieder als Familienbesitz restituiert wurde, kann man das Gebäude innen vermittels sehr professionell organisierter Führungen (April bis September; Oktober bis März nur nach Vereinbarung) besichtigen – jedenfalls die Pracht- und Wohnräume des ersten Stockwerks (in den anderen Teilen der Burg wohnt die Familie). Das lohnt sich: der barock umgebaute Rittersaal, die ebenfalls barockisierte Kapelle, die IMG_4110dem Heiligen Sebastian gewidmet ist, die verschiedenen Salons, die kleine aber feine Bibliothek (die neben alten Folianten über die Familiengeschichte auch eine Sammlung der Bücher des in Tschechien sehr populären Karl May enthält) und die moderneren Schlaf- und Badezimmer.

Und anschließend sollte man es sich nicht nehmen lassen, noch ein wenig um die Burg herum spazieren zu gehen. Vor allem, wenn man unten von der anderen Seite des Flusses auf die Burg hinausschaut – an deren Wand der achteckige Stern prangt, der das Wappen der Familie IMG_4151konstituiert -, nimmt man die außerordentlich großen Ausmaße der Burganlage wahr.

Oder man geht etwas oberhalb der Burg in den Wald zu der Hladomorna (Hungersnot) genannten Vorbastion der Burg. Es handelt sich um einen ummauerten Turm, der Ende des 15. Jahrhunderts errichtet wurde. Man hatte aus der Eroberung von 1467 gelernt und schützte die Burg nun mit einem Vorbau, der durch seine spitzwinklige Form besser IMG_4148dazu geeignet war, Artillerieangriffen standzuhalten. Er kann ebenfalls gegen Eintrittsgeld besichtigt werden. Man betritt ihn dann über einen Eingang, der im 19. gebrochen wurde. Drinnen befanden sich damals im 15./16. Jahrhundert Kanonen, die aus allen Seiten feuern konnten, und viele Vorräte, die verhindern sollten, dass bei Belagerungen die Hungersnot eintrat, die dem Turm den Namen gab. Gottlob trat der Ernstfall nie ein und niemand musste darin verhungern.

Das ganze Areal ist touristisch übrigens hervorragend erschlossen – inklusive Souvenirladen und Schlosscafé (etwas spartanisch eingerichtet, aber mit sehr guter Kuchenauswahl!) im Schlosshof. (DD)

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