Wo Wallenstein weilte

Man kennt ihn von Schiller: Wallenstein, den kaiserlichen Heerführer des Dreissigjährigen Krieges, der seinem Kaiser zu eigenmächtig wurde und deshalb in Cheb ermordet wurde. Albrecht Wenzel Eusebius von Waldstein (wie er mit vollem Namen hieß) hatte von den Enteignungen der böhmischen Adligen, die bei Ständeaufstand für die böhmische Freiheit gekämpft und bei der Schlacht am Weißen Berg (hier) verloren hatten, unglaublich profitiert. Auch der Krieg selbst war für ihn ein gutes Geschäft. Folglich war er einer der reichsten Männer im Reiche. Deshalb konnte er sich auch mitten im Herzen der Prager Kleinseite einen Palast sondergleichen erbauen lassen.

Der Valdštejnský palác (Waldstein Palast) wurde in den Jahren 1623 bis 1630 nach Entwürfen des italienischen Architekten Andrea Spezza erbaut. Da sich Wallenstein/Waldstein noch eine riesige Gartenanlage dazu anlegen lassen wollte, musste er ein Grundstück erwerben, dass an Größe innerhalb des Stadtgebietes schon einzigartig ist. Insgesamt 26 dort vorher stehende Häuser und zwei Ziegeleien soll er dafür gekauft und abgerissen haben. Deshalb kann man heute eine einzigartig große grüne Insel der Ruhe (wenn nicht zuviele Touristen da sind), umgeben von feinster Barockarchitektur und hohen Mauern. Vom Park aus kann man über der Reithalle des Palastes die Burg sehen (großes Bild oben) oder, wenn man sich umdreht, die schöne Dächerlandschaft der Kleinseite (Bild links).

Der Park oder Garten war einer der ersten strikt formal angelegen Barockgärten in Prag überhaupt. Überall sind gerade Sichtachsen, teils umrahmt von Hecken, teils von Statuengruppen des niederländischen Bildhauers Adriaen de Vries. Von ihm stammt auch die große bronzene Statue des keulenschwingenden Herkules im Zentrum des großen Brunnens vor dem Hauptpalast. Die ist allerdings eine Kopie, denn das Original hatten die Schweden, die in der Endphase des Dreissigjährigen Krieges 1648 in Prag einfielen, geraubt.

Neben dem Palast selbst, der innen reich an Fresken und Stuckarbeiten ist, die Wallenstein als Feldherren preisen, ist vor allem noch die groteske Tropfsteinmauer am Südende des Gartens (deren Architekt unbekannt ist) mit ihren Höhlen und ihrer Ausschmückung durch Skulpturen (Bild rechts) bemerkenswert. Die einzigartigen dunklen Steinformationen sind nicht echt, sondern nur sehr kunstvoll nachgebildet.

Und dann ist da noch die 1627 von Andrea Spezza erbaute große Loggia mit ihren drei Arkadenbögen. Betritt man die Arkaden, wird man von den Fresken im Gewölbe überwältigt, die wiederum das Werk des Malers Baccio di Bianco sind (Bild ganz unten).

Wer beim Zuschauen gut aufgepasst hat, wird sich erinnern, das dies auch ein Drehort für den Mozart-Film Amadeus von 1984 war.Dort lässt Kaiser Joseph II. für sich und seinen Hofstaat unter den Arkaden ein Konzert vorführen. Auch heute ist dies ein beliebter Ort für Konzerte (nicht nur Mozart), wenngleich nicht mehr nur für einen Hofstaat, sondern für die breite Öffentlichkeit.

Hinter den Arkaden tagt heute der Senat der Tschechischen Republik, wie überhaupt das Gebäude dem tschechischen Staat gehört. Damit ist man wieder bei  der Geschichte des Palastes und des Anwesens angelangt. Wallenstein weilte hier ja nur kurz. Nach seiner Ermordung wurde das Eigentum 1634 sofort konfisziert, aber schon nach kurzer Zeit von der Familie wieder gekauft. Die ließ hier unter anderem 1859 erstmals Schillers Stück über ihren illustren Vorfahren aufführen. 1945 wurde die Familie jedoch enteignet, weil der damalige Erbe der NSDAP beigetreten war und die deutsche Reichsbürgerschaft angenommen hatte. Seither ist das Ganze öffentlicher Park, öffentliches Museum (mit anspruchsvollen Wechselausstellungen) und ein Zentrum tschechischer Politik. Und einfach schön anzuschauen. (DD)

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