Wo Hitler Schinken aß

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Bisweilen vermischt sich das Grauen mit Groteske. Am 15. März 1939, in jener Nacht als vor genau 80 Jahren die Nazitruppen das Land besetzten, verbrachte Hitler seine erste Nacht in Prag im Šelmberský palác  (Šelmberk Palais). Vor Freude, nun die Tschechen unterdrücken zu können, vergaß der strikte Abstinenzler und rührselige Vegetarier sich selbst und nahm beglückt Prager Schinken mit tschechischem Bier zu sich. Sechs Jahre des Schreckens nahmen mit einer absurden Szene ihren Anfang.

IMG_3035Überhaupt, das im Kontext der Prager Kleinseite (Adresse: Thunovská 183/18) zunächst einmal fast unspektakulär wirkende Gebäude kann auf eine illustre Geschichte zurückblicken. Es gelangte im Jahre 1485 als Geschenk König Vladislavs II. an seinen Oberkämmerer Jan von Šelmberk in den Besitz von dessen Familie – daher der Name. Beim großen Feuer auf der Kleinseite im Jahre 1541 fiel das alte gotische Gebäude einem Feuer zum Opfer und wurde danach im Renaissancestil wieder aufgebaut. Im 17. Jahrhundert wurde im barocken Stil umgebaut und erhielt so seine heutige Gestalt. Inzwischen hatte es die Familie von Hartig in Besitz genommen, der auch der Nachbarbau, das Hartigovský Palais, gehörte. Inzwischen gehören im Grunde beide Palais‘ zum selben Gebäudekomplex. Wie dem auch sei: Durch den musikbegeisterten Ludwig Joseph Graf von Hartig img_5647wurde das Šelmberský Palais Anfang des 18. Jahrhunderts zu einem wahren Zentrum barocker Kammermusik. So blieb es lange in positiver Erinnerung.

Zwischen 1895 und 1910 wohnte dann im Palais kein Geringerer als der spätere Gründungspräsident der Tschechoslowakei, Tomáš Garrigue Masaryk – damals noch Philosophieprofessor in Prag. Deshalb hat man immerhin eine vor kurzer Zeit eine Gedenkplakette (kleines Bild rechts)  an der Wand angebracht. Damit hätte das Gebäude ohne jegliche Einschränkung ein besonders freudiger Gedenkort für die Tschechen sein können. Doch es kam anders: Es fing harmlos an. 1920 kaufte der deutsche Staat – die Weimarer Republik – das Gebäude IMG_3036und richtete hier seine Botschaft ein. Die beiden neuen Republiken, die deutsche und die tschechoslowakische, pflegten zu Beginn ein freundschaftliches Verhältnis. Aber: Das hatte halt eben auch zur Folge, dass Hitler und sein Troß 1939 zunächst einmal hier abstiegen, nachdem sie die „Rest-Tschechei“ erledigt hatten. Das hat das Image des Gebäude ein wenig beschädigt.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs war hier lange Zeit das Hauptquartier des tschechoslowakischen Roten Kreuzes. Heute ist das Gebäude in Privatbesitz und beinhaltet im wesentlichen Büros. Das Staatswappen der Weimarer Republik mit dem Adler (großes Bild) befindet sich aber immer noch über dem Eingang – ein Umstand, der allerdings von den meisten der dort im Massen vorbeiströmenden Touristen kaum wahrgenommen wird. Als Kontrapunkt flattert aber über dem Palais heute die tschechische Flagge. (DD)

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