Ritter sucht Erlösung

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Man fühlt sich ja schon irgendwie spontan an Darth Vader erinnert. Und er ist in der Tat eine düstere Figur, der berühmte Eiserne Ritter von Prag. Es wird vermutet, dass Prag durch ihn möglicherweise die einzige große Stadt der Welt ist, in der eine Spukgestalt das Rathaus IMG_5498schmückt. Es handelt sich um das Neue Rathaus, gelegen am Mariánské náměstí 2 in der Altstadt, das in den Jahren 1909 bis 1911 nach Entwürfen des Architekten  Osvald Polívka (frühere Beiträge u.a. hierhier und hier) durch den Baumeister František Tichna erbaut wurde. Das Gebäude ersetzte seinerzeit das inzwischen zu klein gewordene Altstädter Rathaus als politisches und administratives Zentrum der Stadt. Entsprechend groß ist das Jugendstilgebäude mit einem Grundriss von 90,5×37 Metern und rund 250 Amtszimmern, die sich auf 7463 Quadratmetern verteilen.

IMG_5496Äußerlich wirkt das Neue Rathaus eher schlicht und sachlich. Die künstlerische Ausgestaltung findet fast ausschließlich an der Vorderfront statt, wo Skulpturen des Bildhauers Stanislav Sucharda über die Prager Bürgertugenden die Fassade schmücken.

Die werden natürlich alle locker in den Schatten gestellt von dem Eisernen Ritter (oft auch Eiserner Mann, tsch.: Železný muž, genannt), der an der Ecke des Gebäudes zur Platnéřská auf einem Sockel in einer Nische steht. Die furchterheischende Skulptur von 1910 ist das Werk des symbolistischen Bildhauers Ladislav Šaloun, der unter anderem das große Hus-Denkmal auf dem Altstädter Ring (früherer Beitrag hier) geschaffen hatte. Es soll sich um die IMG_5497Geisterfigur eines Ritters aus dem Gefolge König Johanns von Böhmen handeln, der Jáchym Berka hieß, und in diesem Teil der Stadt lebte. Der verliebte sich des Sage nach in ein junges Mädchen und zog kurz darauf andernorts in den Kampf. Als er an einem Karfreitag zurückkam verdächtigte er sie zu Unrecht der Untreue und erstach sie brutal. Mit ihrem letzten Atemhauch verfluchte sie ihn und er verwandelte sich umgehend in schwarzen Stein – so wie er heute eben dort am Rathaus steht. Angeblich soll er alle 100 Jahre an der Stelle erscheinen und eine junge unschuldige Frau suchen, die ihn erlöst. Angeblich hätte das beinahe 1909 geklappt, IMG_5495allerdings wurde die junge Frau aber von ihrer Mutter im letzten Moment an der Erlösung des Verfluchten gehindert. Das nächste Mal hätte er am Karfreitag 2009 wieder aufkreuzen müssen, aber wenn er an diesem Tage tatsächlich einer Frau erschienen sein sollte, hat die das Ereignis nicht bei Facebook oder Twitter gepostet. Erst 2109 haben wir wieder eine Chance zu erfahren, ob er nun erlöst wurde oder nicht…

Das junge Mädchen, das der Ritter dereinst ermordete (Bild rechts), befindet sich übrigens auf dem Sockel der Skulptur zu Füßen des spukenden Bösewichts sitzend und hat einen Ausdruck der Verzweiflung im Gesicht. Mit ihrem Arm versucht sie sich noch vor dem tödlichen Schlag, der ihr nun droht, zu IMG_5499schützen – vergeblich, wie wir wissen. Kalt und seelenlos starrt der Ritter darüber in die Ferne und würdigt sie keines Blickes.

Die schaurig-schöne Ritterstatue ist so populär, dass manche Leute vergessen, sich die andere Ecke des Baus anzuschauen. Da befindet sich eine ähnlich gestaltete Statue (Bild links), die ebenfalls von Ladislav Šaloun stammt und ebenfalls eine Figur darstellt, die uns mit der Welt des Übernatürlichen verbindet. Es ist der Rabbi Löw, der zwar selbst historisch real existierte, aber der Legende nach auch der sagenumwobene Erschaffer des Golems (eine zum Leben erweckte Lehmgestalt, die die Juden im Prager Ghetto beschützte) war – eine später entstandene Fiktion. Was den bösen Ritter und den guten jüdischen Gelehrten an diesem Ort zusammenführt, ist nicht so recht zu erahnen. (DD)

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