Wo Jan Masaryk den Tod fand

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Man schaut hinauf und ein Grauen befällt einen. 14,5 Meter sind es. Aus dieser Höhe stürzte am 10. März 1948 – am heutigen Tag vor 71 Jahren – früh morgens Außenminister Jan Masaryk aus dem Fenster seiner Dienstwohnung im barocken Palais Czernin (Černínský palác), dem  Sitz des Außenministeriums der Tschechoslowakei (und heute der Tschechischen Jan-Masaryk-Mord.pngRepublik). War es Mord? Der Sohn des Staatsgründers der Tschechoslowakischen Republik, Tomáš Garrigue Masaryk, war der letzte bürgerliche Demokrat in der Regierung gewesen. Im Monat zuvor waren alle anderen demokratischen Regierungsmitglieder unter Protest gegen die Repressalien der Kommunisten zurückgetreten. Es war als öffentliches Fanal gedacht, entpuppte sich aber als ein strategischer Fehler, der den Kommunisten die endgültige Machtübernahme erlaubte. Masaryk war nun der einzige, der sich ohne viele Illusionen über die Wirksamkeit seines Tuns ihnen und der Diktatur entgegenstellen wollte.

Und dann lag er tot da auf dem steinernen Boden des Innenhofes des Ministeriums. Der rote Pfeil auf dem kleinen Bild links oben zeigt, wie er fiel. Einige Tage zuvor hatte er sich frustriert geäußert, wie wenig er den Entwicklungen IMG_4677noch entgegen setzen konnte. Die Sicherheitsbehörden, die zu diesem Zeitpunkt fest in der Hand der Kommunisten waren, schlossen ihre Untersuchung mit den Ergebnis ab, dass Masaryk depressiv gewesen sei und Selbstmord begangen habe.

An dieser Version erhoben sich früh Zweifel (wir berichteten vor einem Jahr hier). Eine neue Untersuchung nach dem Ende des Kommunismus, konnte (weil zuviele Dokumente verschwunden waren) kein definitives Ergebnis präsentieren, erbrachte aber viele Hinweise, dass Masaryk wohl von Schergen des kommunistischen Sicherheitsapparats aus dem Fenster geworfen worden war. Das entspricht wohl dem, was auch die meisten Tschechen darüber IMG_4678denken. Deshalb spricht man im Lande auch meist vom Dritten Prager Fenstersturz.

Das Außenministerium gedenkt jedenfalls im Palais Czernin ihres tragisch ums Leben gekommenen Außenministers würdevoll. Das ging natürlich erst als der kommunistische Spuk 1989 zu Ende ging. Die Dienstwohnung, aus der er fiel, wurde wieder in den Zustand zurückgesetzt, den sie an jenem Schicksalstag hatte. Nahe der Stelle, wo sein Leben endete steht seit 1993 eine Büste Masaryks. Sie wurde in den 1940er Jahren von der expressionistschen Bildhauerin Mary Duras vom lebenden Modell gestaltet und nach der Samtenen IMG_4654Revolution vom neuen, nunmehr demokratisch geführten Außenministerium erworben.

Die Büste, die Masaryk lebensnah und leidgeprüft darstellt (zum Zeitpunkt der Erstellung der Büste befand er sich im englischen Exil vor den Nazis), steht innerhalb der Hofarkaden bei der Stelle, wo er aufschlug. Die Arkaden sind heute durch Glas vom Hof getrennt, so dass man ihn an seinem Todesort nur durch die Scheibe sehen kann. Für Besucher ist der ganze Bereich normalerweise nicht öffentlichIMG_4679 zugänglich. Da dieser Gebäudeteil oft für Veranstaltungen genutzt wird, kommen dennoch viele Menschen vorbei, die dann die Büste und den Todesort sehen können.

Von Innen kann man auf der Scheibe die Worte den Hinweis lesen, dass davor der Hof ist, wo Masaryk starb. Links daneben ist eine rechteckige Bronzeplakette mit einem Reliefportrait und der Aufschrift „Jan Masaryk. Außenminister der ČSR 1940 bis 1948“ zu seinem Gedenken angebracht. Draußen im Hof legen oft Besucher Blumen zu seinem Gedenken ab. Für sie ist Masaryk immer noch der tragische Freiheitsheld, der bis zuletzt dem Unrecht entgegentreten wollte.IMG_1551

Ausgewählte Gäste des Außenministeriums bekommen manchmal die Gelegenheit, die Dienstwohnung Masaryks selbst zu besichtigen. Ihm stand damals fast ein ganzer Flügel zur Verfügung, samt Empfangszimmer, Arbeitraum mit Schreibtisch (siehe kleines Bild rechts), Schlafzimmer und das Badezimmer. Alles strahlt gepflegte Bürgerlichkeit aus, Wie gesagt, die Wohnung wurde nach dem Ende des Kommunismus restauriert und renoviert, so dass sie heute aussieht, als wäre sie frisch für Masaryk eingerichtet worden.

IMG_1553Im Badezimmer findet man schließlich das Fenster, aus dem er fiel bzw. geworfen wurde. Von oben sieht das noch gruselig höher aus, wie das Bild links zeigt. Im Hause scheint man der Meinung zu sein, dass alleine die Tatsache, dass Masaryk hier sein Ende fand, für die Mordhypothese spricht. Masaryk sei doch stets auf sein gentlemanhaftes  Äußeres bedacht gewesen. Dass er noch ungewaschen, unrasiert und im Schlafanzug seinen spektakulären „Selbstmord“ begangen haben soll, hätte nicht seinem Stilempfinden entsprochen. (DD)

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