Wuchtig modern

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Zeitgenossen waren entweder überwältigt vom Avantgardismus des Gebäudes oder hielten es für eine Monstrosität. Auf jeden Fall gehört es zu den originellsten Bauwerken der klassischen Moderne am an solchen Bauwerken nicht armen Wenzelsplatz (dort IMG_5440Hausnummer 795/40, Ecke Štěpánská): Das Šupich-Haus, benannt nach dem Erstbesitzer, dem Investor und Anwalt Josef Šupich, der von es von dem Bauunternehmer Matěj Blecha und seinem „Stararchitekten“ Emil Králíček in den Jahren 1911 bis 1919 bauen ließ.

Králíček, einer der bedeutenden Wegbereiter der modernen  Architektur in Böhmen und Pionier des Kubismus (siehe hier, hier und hier), wollte wohl so nahe bei dem großen Nationalmuseum, das er wohl für historistische Protzerei hielt, ein Zeichen der Neuerung setzen. Statt der üppigen Ornamentik mit Rückgriffen auf die Antike, wie man sie beim Museum sieht, setzte er beim Šupich-Haus bereits in Ansätzen auf die spätere Kernidee des Kubismus, nämlich die klare und schlichte Geometrie und schräge Diamantformen. Diese Idee setzte er so groß angelegt um, dass ein geradezu primitivistischer Eindruck IMG_5443entstand, den wir heute faszinierend finden, der damals aber für manche Traditionalisten schockierend wirkte. Vor allem die wuchtige Dachlaterne (großes Bild oben) thront über dem Platz wie ein großes Bekenntnis zur immer funktionalistischer werdenden Moderne.

Unterstrichen wurde der Primitivismus durch die archaisch anmutenden Skulpturen auf der Fassade, für deren Gestaltung Králíček die Bildhauer Karel Pavlík and Antonín Odehnal heranzog. Die seltsamen, in viereckige Bestandteile zerlegten Steinlöwen oder die strengen menschlichen Gesichter aus Bronze, die eigenartige Kopfbedeckungen tragen, geben dem Gebäude trotz aller IMG_5445Modernität die Aura einer phantastischen symbolistischen Vergangenheit.

Das Gebäude wurde nach der Samtenen Revolution perfekt renoviert und in Stand gesetzt und beherbergt heute etliche Büroräumlichkeiten. Darunter ist sicher das der Deutsch-Tschechischen Industrie- und Handelskammer (DTIHK) das wichtigste und bedeutendste, deren Geschäftsführendes Vortsandsmitglied Bernard Bauer IMG_6832.JPGdie architektonische Gestalt des Gebäudes sehr zu schätzen weiß und auf die Dachlaterne, die die DTIHK gerne für besondere Veranstaltungen nutzt, mit Stolz hinweist. Von hier aus hat man einen der fantastischsten Ausblicke in Prag überhaupt – über Wenzelsplatz, Altstadt und Burg in die weite Ferne. Man kann Herrn Bauer und sein Team für ihren Standort wirklich nur beneiden.

IMG_6837Drinnen gibt es auch noch etliche Überbleibsel der originalen Ausstattungen, vor allem die Art Déco-Treppengeländer im Treppenhaus. Und man findet weiter unten (nicht mehr bei der DTIHK) eine kleine Besonderheit, die so ganz im Gegensatz zur geometrischen Strenge des Gebäudes steht, dessen Passageneingang übrigens mit dem des Lucerna-Palastes (früherer Beitrag hier)  verbunden ist, der zwei Häuser weiter steht. Im Keller befindet sich nämlich das 1915/16 ebenfalls von Králíček gestaltete Rokoko-Theater, dessen Ästhetik sich durch eine seltsame Symbiose von strengem Kubismus und verspieltem Rokoko auszeichnet. Auch gilt wieder einmal, das sich Gegensätze manchmal anziehen. Sicher wird sich uns irgendwann die Gelegenheit bieten, über das Theater gesondert zu berichten. (DD)

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